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Prostitution in Japan
Einleitung
"Nun ist er tot -
Der herzlose Vogel
der mit schrillem Schrei den Frieden dunkler Nacht durchbrach
Doch ach, das Morgenrot kommt stets
die Freuden wahrer Liebender zu beenden."
Mit einem solchen oder ähnlichen Gedicht mag ein japanischer Galan in der Edo-Zeit seine Kurtisane nach einer Liebesnacht verabschiedet haben. Dieses wenn auch kitschige Kunstwerk steht sozusagen für die ganze Kulturbewegung der Edo-Zeit, die sich entscheidend auf die heutige Einstellung der Japaner zur Prostitution auswirkte. Der Gang zu einer Prostituierten war damals eine kulturelle Angelegenheit, die nicht moralisch verwerflich war; es war ein asobi, ein Spiel mit Regeln.
Die Einstellung der Japaner zur Prostitution
In Japan gab es ursprünglich keine Philosophie oder Religion, die sexuelle Bedürfnisse unterdrückte oder kriminalisierte.
Auf dem Land waren früher voreheliche sexuelle Beziehungen meist gebilligt, sogar in Form von Jugendhäusem institutionalisiert.
Diese Jugendhäuser waren ein Ort auf dem Lande, an dem sich Jugendliche trafen.
Im engeren Sinne war es jedoch eine Stätte gemeinschaftlichen Wohnens (neyado: Schlafhaus),
in dem es sowohl nach Geschlechtern getrennte als auch gemischte Schlafzimmer gab.
Die Bewohner waren zwischen 15 und 34 Jahren alt.
Das Haus hatte den Zweck, Gemeinschaft nach den Gesetzen der Seniorität sowie das Ehe- und Familienleben zu schulen.
Dieses System bestand bereits seit alter Zeit und existierte bis zum zweiten Weltkrieg.
Die dort praktizierte Freiheit wurde von den konfuzianischen Ideen gebilligt.
Auch die Jungfräulichkeit zu Beginn der Ehe war in der Samurai-Zeit kein Wert an sich,
man sprach der Frau lediglich ein Maß an Selbstbeherrschung ab, wenn sie vor der Ehe bereits sexuelle Kontakte hatte.
Erst mit dem Hinzukommen rigoroser christlicher Moralvorstellungen in der Meiji-Zeit entwickelte sich eine allgemeine Prüderie in der Mittelschicht. Daraus resultiert die zwiespältige Einstellung der Japaner zur Sexualität. Auf der einen Seite ist da eine überraschende Natürlichkeit, Offenheit und Unbefangenheit zu finden, auf der anderen Seite herrschen strenge Beschränkungen, Verklemmungen und Prüderie.
Diese Zwiespältigkeit äußerte sich in der Doppelmoral der männlichen Bevölkerung:
Der eheliche Beischlaf wurde mehr als "Produktion der Nachkommen" empfunden und diente der schnellen Befriedigung des Mannes.
Daneben konnte er seine sexuell-erotischen Abenteuer bei teuren Konkubinen oder billigen Straßenmädchen ausleben.
In alten Zeiten galt Liebe als "weibisch" und wurde nicht als das große Glück angesehen. Liebe war verweichlichend. Ein großer Teil der "männlichen" Liebe beschränkte sich vielmehr rein auf den sexuellen Akt. Es war männlich, viele Affären und sexuelle Erlebnisse zu haben, mit denen man prahlen konnte. Diese Form der Liebe verkaufen die Hostessen heute in den Bars, die Straßenmädchen und die Masseusen in den Badehäusern. In Japan fand also eine Trennung der weiblichen Rollen statt, auf der einen Seite stand die Prostituierte und auf der anderen die Hausfrau.
Die Kurtisanen-Häuser waren eher künstlerische Stätten, die zwar das Sexuelle nicht aussparten, das Leben dort wurde jedoch durch strenge Etikette geregelt. Für den "reinen Sex" gab es sogenannte Billig-Bordelle. Der Sex an sich war auch nicht das Entscheidende, vielmehr das Spiel zwischen Mann und Frau, der elegante Flirt, das kultivierte Werben zählte. Die Ehefrauen waren eher Matronen, die zum Kindergebären da waren, meist waren sie Analphabetinnen und verbrachten den größten Teil "fernab des weltlichen Treibens" zu Hause. Sie hatten einen geringen Unterhaltungswert für den Ehemann.
Soweit sie es sich finanziell erlauben konnten, durften sich die Männer ohne moralische Bedenken in solchen Vergnügungsvierteln bewegen, solange sie nicht ihre Pflicht als Familienversorger vernachlässigten und das Spiel mit der Prostituierten auf der Ebene eines Spiels blieb. Das Spiel war wichtiger als der Sex per se. So spricht Buruma von Geschäftsleuten in Tôkyô, die ihr Geld für Hostessen ausgeben, nur, um mit ihnen gewaltige Dialoge zu führen.
Diese Grundeinstellung zog sich bis in die Nachkriegszeit und ist auch heute noch in Japan "gang und gäbe". Bis 1965 waren außereheliche Beziehungen bei Männern traditionell weithin akzeptiert. Es galt sogar als Statussymbol, sich eine Mistress zu halten. Erst langsam vollzog sich wohl ein Umdenkungsprozeß.
Die Feministinnen in Japan sahen darin die Unterdrückung der japanischen Frau und forderten immer wieder die Abschaffung der Prostitution.
Trotzdem konnte selbst ein Gesetz im Jahre 1958, das die institutionelle Abschaffung der käuflichen Liebe vorschrieb, das Gewerbe weder ausrotten noch die Einstellung der Japaner ändern. Imai schreibt: "... obwohl das offizielle Prostitutionssystem verschwand, hat der offene Enthusiasmus japanischer Männer für die Prostitution heute noch nicht abgenommen."
So kommt es auch in der Ehe seitens der Frau kaum zu außerehelichen Beziehungen, während sie beim Mann durchaus vorkommen können. So gaben bei einer Untersuchung im Jahre 1971 3,4% der Frauen aber 19,2% der Männer an, außereheliche Beziehungen gehabt zu haben. Als Grund für die Ausschweifungen wurde unter anderem auch der beengte Wohnraum angegeben, der dem ehelichen Sex ein gewisses Maß an Rücksicht und Selbstbeherrschung und Konzentration auf das "Notwendigste" abverlangt. Um ein gewisses Maß an privater Atmosphäre herzustellen, ist es heutzutage deshalb auch unter japanischen Ehepaaren üblich, in sogenannte "Love-Hotels" (Stundenhotels) zu gehen.
Frühgeschichte und Altertum (bis 1185)
Auch in Japan scheint die Prostitution zum ältesten Gewerbe zu gehören. Lewin führt die Ursprünge der Prostitution auf sakrale Basis zurück. Sie soll aus der engen Verbindung mit dem Schamanismus entstanden sein. Wandernde Schamaninnen wurden früh schon mit Wanderdirnen gleichgesetzt.
Bereits die älteste Gedichtsammlung Japans, das manyôshu, spricht von ukareme, welches vermutlich Frauen ohne feste Verbindung waren, die als Unterhalterinnen herumzogen und dabei gleichzeitig ihre Gunst anboten. Diese Art der Prostitution war häufig der übliche Nebenerwerb der fahrenden Tänzerinnen, Sängerinnen, Puppenspielerinnen, singenden Wandernonnen und ähnlichen Frauen niederer Herkunft. Die Verflechtung von Prostitution und Theater begann schon im Altertum und hielt bis zum zweiten Weltkrieg an. Sie durchzieht die Prostitutionsgeschichte wie ein "roter" Faden. Ihren produktiven Höhepunkt erlebte diese Verbindung in der Edo-Zeit.
Es gab aber auch feste Quartiere: Sammelstellen bildeten, wie überall, Hafenstädte und Anlegeplätze sowie große Raststationen bei großen Überlandrouten. Die Kunden dort waren meist Krieger oder Seeleute. Aber auch Tempel und Schreine waren beliebte Sammelorte, und vor allem zu Festzeiten erfuhren die Mädchen dort regen Zuspruch von Pilgem. Prostituierte wurden auch bevorzugt von der reichen Aristokratie "benutzt".
Mittelalter (1185-1603)
Zu Beginn des Mittelalters, in der Blüteperiode der samurai, wurden spezielle Mädchen in erotischen Fertigkeiten ausgebildet, um den höheren Kriegerschichten und dem Kaiser zu dienen.
In Kyôto wurden 1397 zum ersten Mal Freudenhäuser erwähnt, deren Vorsteherinnen einer besonderen Behörde verantwortlich waren. Dabei ging es vor allen Dingen um die Entrichtung einer eigenen Steuer. Die Prostituierten waren ihre "Ziehtöchter": Sie hatten aber real den Status einer Ware. Oft wurden die "Ziehtöchter" durch Menschenhandel erworben und standen in vollständiger Abhängigkeit zur Vorsteherin.
Richtig in den Vordergrund der japanischen Geschichte traten die Prostituierten erst im 16. Jahrhundert. Die zunehmende Entwicklung der Städte führte zu einer Prosperität und stärkeren Konzentration der Freudenhäuser. 1587 wurde in Kyôto das erste Freudenviertel eröffnet. Die Schauspielerinnen des anfänglich reinen Frauen-Kabuki-Theaters bezogen dort als Dirnen eine zusätzliche Einnahmequelle. Angehörige des Militäradels gingen in der Heimat wie auch in der Ferne weiterhin zu den fahrenden geinin-shofu, den Künstlerinnen, die neben den Liebesdiensten auch tanzen und musizieren konnten. Kaufleute erkannten ihre Chance in diesem Geschäft und forderten von den Behörden die Genehmigung von Geschäftsstraßen.
Frühe Neuzeit (1603-1868)
Die Gründung des berühmten Yoshiwara-Districts erfolgte 1617 nach dem Vorbild in Kyôto. Anlaß bildete ein Antrag von Shoji Jinuemon zur Gründung eines Vergnügungsdistricts von 1612. Dieser hatte bemerkt, daß, nachdem der Kaiser seine Residenz von Kyôto nach Edo verlegte hatte, um die Stadt herum zahlreiche Bordelle und Teehäuser entstanden. Er schlug dem Kaiser eine "Zusammenfassung" dieser Etablissements vor, um sie so besser unter Kontrolle halten zu können.
Dem Antrag wurde stattgegeben. Die Behörden gestatteten 1617 unter dem Militärherrscher Hideyoshi per Gesetz die Gründung einer Kurtisanenstadt. Die Motivation zu diesem Viertel lag aber nicht, wie man vermuten könnte, darin begründet, die Stadt an sich rein zu halten, denn Sex galt nicht als moralisch verwerflich: Es ging vielmehr um die bessere Kontrollierbarkeit der gewerblich tätigen Mädchen dort. Diese Rechnung ging aber letztendlich nicht auf. Die geinin-shofu, getarnt als Künstlerinnen, wurde wegen ihren fortgesetzten privaten Prostitutionstätigkeiten festgenommen und in den Yoshiwara-District geschickt.
Zusätzlich kam es zu folgendem Effekt: Überall in der Stadt schossen Bäder aus dem Boden, in denen sich Frauen anboten. Diese Bädertradition ist heute noch in Japan zu finden. Als die Behörden schließlich diese Bäder verboten, verlagerte sich das Vergnügungsgeschäft in Teehäuser und Restaurants sowie in Vorstadthotels, in denen die Mädchen Zimmermädchen und Prostituierte zugleich waren. In Edo selbst wuchs die Zahl der gewerblich tätigen Mädchen immens: Sie belief sich auf ca. 60.000, und das bei einer Bevölkerung von 600-700.000.
Durch das Überangebot sank der Preis für eine Prostituierte, so daß auch untere Schichten sich diesen "Service" leisten konnten.
Um den Überblick zu bewahren, wurden die Prostituierten in Edo in verschiedene Stadtbezirke eingeteilt, die sogenannten akasenchitai,
Rote-Linie-Bezirke. Dort wurden sie auch registriert. Die Mädchen, die außerhalb dieser Gebiete arbeiteten, besaßen den niedrigsten Status.
Die Prosperität dieses Gewerbes zog richtige Gründungswellen von Vergnügungsvierteln in anderen Städten nach sich, so z.B. in Kyôto der shimabara-Bezirk und in Osaka der shimmachi-Bezirk.
Diese Vergnügungsviertel haben sich im Nachhinein zu den Kulturzentren des Inselstaates entwickelt und blieben dies bis ins späte 19. Jahrhundert.
Auf dem Land gab es keine solchen Rote-Linie-Bezirke; die Mädchen arbeiteten meist in Teestuben und Gastwirtschaften. Sie waren Eigentum der Teestubenbesitzer und mußten sich den Wünschen der männlichen Kunden unterwerfen. Die Mädchen wurden oft wie Ware einfach an andere Häuser weitergegeben.
Der "Werdegang" einer Prostituierten
Der Werdegang einer Prostituierten war nicht gerade das, was man eine glückliche Karriere nennen kann. Oft sind sie schon als kleine Mädchen, meist aus armen Bauemfamilien im Norden Japans an einen Agenten verkauft worden. Am billigsten jedoch waren noch ungeborene Mädchen. Die Agenten gaben einen Vorschuß für das ungeborene Kind, war es ein Mädchen wurde es dem Agenten übergeben, war es ein Junge, erfolgte die Rückzahlung des Vorschusses. Der Agent war hernach für die Erziehung des Mädchens zuständig. Das Mädchen hatte von sich aus keine Möglichkeit sich freizukaufen. Ihr geringes privates Geld investierte sie in Kimonos und Ausstattung. Die Eltern blieben meist ihr Leben lang so arm, daß auch sie kein Geld für den Rückkauf ihrer Tochter hatten.
Den einzigen Ausweg bildete ein reicher spendabler Gönner, doch dies kam äußerst selten vor. Dieses System existierte bis zum zweiten Weltkrieg. Neben diesem Rekrutierungssystem wurden viele Mädchen aber auch einfach aus einer gesellschaftlichen Notsituation heraus Prostituierte. Braw/Gunnarsson sprechen vom "Katastrophensyndrom": Jedesmal, wenn Japan von einer Katastrophe heimgesucht wurde, schreiben sie, erhöhte sich die Zahl der Prostituierten rapide, weil den Mädchen beim Verlust der Eltern oft nichts anderes übrig blieb, als diesem Gewerbe nachzugehen.
Die gesellschaftliche Stellung
Gesellschaftlich gehörten die Prostituierten der Edo-Zeit der nicht anerkannten Paria-Klasse semmin ("unfreies Volk") an und standen damit an unterster Stelle der Feudalgesellschaft. Innerhalb dieser Klasse wurden sie den hinin ("Nicht-Menschen") zugeordnet.
Damit standen sie noch über den eta, welche entwicklungsgeschichtlich als "subhuman" angesehen wurden und sich weder durch Berufswechsel noch durch Heirat sozial etablieren konnten. Der Klasse der hinin war es dagegen möglich, wieder gesellschaftlich angenommen zu werden, wenn sie sich einer rituellen Reinigung, der ashiarai (Beinwaschung) unterzogen.
So waren hinin Ausgestoßene, eta hingegen Angehörige einer ausgestoßenen Kaste.
Prostituierten-Hierarchie
Innerhalb der Bordell-Städte kam es ebenfalls zur Herausbildung einer streng reglementierten Gesellschaft. Dies äußerte sich in einem abgestuften Steuerwesen und Kleidervorschriften. Im Gegensatz zu "normalen" Städten wurden dort jeden Abend die Mauertore geschlossen, so daß keiner über Nacht hinein- oder herauskam. Die Bewohner Yoshiwaras durften auch ohne Sondererlaubnis das Viertel nicht verlassen.
Bei den Prostituierten gab es entsprechend den gesellschaftlichen Rangfolgen hierarchische Abstufungen: Ganz oben stand die höchste Kurtisane, die taya (Kyôto) oder oiran (Edo),
ganz unten die gewöhnliche "Hure", die joro oder yuna, die in öffentlichen Bädern arbeitete und das Straßenmädchen.
Beide, Kurtisane und Hure, hatten gemeinsam, daß sie aus den niederen Schichten stammten und oft von Kindesalter an für die Prostitution bestimmt waren. Ihren höheren Status verdankten die Kurtisanen oft ihrer Schönheit und Intelligenz, mit der sie sich hochdienten. Die "ausschließlichen" Prostituierten arbeiteten oft in billigen Häusern, im Gastgewerbe oder auf der Straße. Der Auf- oder Abstieg innerhalb dieser Sub-Gesellschaft konnte ganz schnell erfolgen.
Die Kurtisanen genossen eine Sonderstellung. Sie erhielten eine aufwendige Ausbildung. Dementsprechend waren ihre Künste vielfältig: Blumenstecken, Teezeremonie, Dichtung und die Beherrschung verschiedener Musikinstrumente und Kartenspiele. Sie konnten sich sicher innerhalb der Etikette bewegen und verstanden es, sich durch grandiose Auftritte selbst in Szene zu setzen. Sie waren mehr oder weniger Künstlerinnen, die als Nebenerwerb ihren Körper verkauften.
Außerdem durften sie sich ihre Männer selbst auswählen. Nur reiche Männer konnten sich eine Kurtisane leisten, denn sie war teuer und schwer eroberbar. Es bedurfte eines längeren Liebeswerbespiels, um mit ihr zum Beischlaf zu kommen. Dieses Liebeswerben beinhaltete für die Männer den Vortrag von Gedichten und Gesang und die Fähigkeit zu gehobener Konversation. Die Männer konnten sich nur innerhalb bestimmter Benimmregeln bewegen, die oiran oder taya bestimmte,
"wo es lang geht". Die Selbstinszenierung einer solchen Prostituierten war grandios. Um sie von den Geishas, die auch in diesen Vierteln lebten, zu unterscheiden, mußte man auf den obi gucken. War er vorne geknotet, dann handelte es sich um eine Prostituierte, die Geishas knoteten ihn hinten.
Als die Personifikation von Kunst waren die Kurtisanen sowohl bei der aristokratischen Oberschicht, wie auch bei dem aufstrebenden Bürgertum der Städte gleichermaßen beliebt. Sie waren als Sängerinnen und Tänzerinnen gern gesehene Gäste auf Festen der Oberschicht. Für das Bürgertum aber boten die Vergnügungsviertel die Gelegenheit, permanent zu feiern und "Kunst" zu genießen.
Entsprechend vielfältig war und sind auch heute noch die Bezeichnungen für Prostituierte. Braw/Gunnarsson sprechen von mehr als vierhundert. Die Namensgebung reicht vom poetischen "Lotusblattfrau", bai shun ("Frühling verkaufen") über realistischere Worte, wie jinshin-babai ("Menschen kaufen und verkaufen") bis hin zu Schimpfworten.
Die sozialen Bedingungen in den Vierteln
In den Ghettos bot sich dem Mann vordergründig ein lustiges und aufregendes Leben. Die Tatsache aber, daß sich Männer, die Vergnügungsviertel betreten wollten, entwaffnen sollten, beleuchten den traurigen Hintergrund und sind ein Hinweis auf die asozialen Bedingungen, unter denen die Frauen leben mußten:
Man sagt nämlich, daß die Frauen in Yoshiwara so unglücklich gewesen seien, daß sie sich sofort das Leben genommen hätten, wenn sie nur an ein Messer gekommen wären.
Die Frauen wurden oft ausgenutzt und schlecht behandelt, oft wegen Kleinigkeiten mit dem Tod bestraft, oder sie starben an Unterernährung oder Krankheit. Dies äußerte sich auch in der Verfahrensweise, in der sie bestattet wurden: Ihre Leichen wurden in den nächsten Tempel verfrachtet, dem nagekomidera (Wegwerf-Tempel).
Es gab nur eine Chance für eine gewerbliche Dirne, ihre Freiheit zu erlangen: Ein Mann zahlte ihre Schulden und nahm sie bei sich als Nebenfrau auf. Ihre Lage wurde jedoch so nicht entscheidend verbessert, denn das Eheleben in der Edo-Zeit soll grausam gewesen sein.
Um sie jedoch für den "Dienst" am Manne zu motivieren, wurden sie oft in Bordellen auf die Rolle der Nebenfrau hin erzogen. In einem Rotlichtführer der Edo-Zeit wurde auch behauptet, daß öffentliche Prostituierte die besten Ehefrauen wurden.
Die Vergnügungsviertel als Ort kulturellen Lebens
Wie oben erwähnt, entwickelte sich in den gehobenen Bordellbetrieben ein richtiges Kulturleben.
Für die Vergnügungsviertel gab es sogar spezielle literarische Führer (saiken) und Berichte über deren Kurtisanen (yujo hyobanki).
Intrigen und Skandale in den Bordellen bildeten oft die Vorlage für die Stücke des Kabuki-Theaters. Reiche und mächtige Männer waren dort regelmäßige Theaterbesucher und erwarteten dort nicht nur künstlerische Unterhaltung.
O-Kuni hatte im 17. Jh. mit der Gründung des ersten Kabuki-Theaters erstmalig die Verquickung von Prostitution und Theater in einem Konzept integriert. Das Kabuki-Theater galt als Gegenreaktion auf das elitäre Nô-Theater. Zielgruppe des Kabuki war der einfache Bürger. Es begann mit einem erotischen Tanz, den Theatergründerin und angebliche Kulttänzerin des großen Izumo-Schreins, O-Kuni, 1603 am Ufer des Kamo-Flußes in Kyôto aufführte.43 Offiziell war die Kabuki-Schauspielerin eine miko, eine Schamanin, die einem Schrein angehörte. Ihr Auftritt aber, bei dem sie als Mann verkleidet war, diente als Werbemaßnahme für das Geschäft nach der Vorstellung.44
Häufig kam es durch Schlägereien - um die Gunst der Damen - zu nächtlichen Ruhestörungen. Diese boten Anlaß für rigorose Maßnahmen seitens der Behörden. Sie verboten den Schauspielerinnen den Auftritt. Es übernahmrn nun junge Männer ihre Rollen - und dies, unbeabsichtigt, ebenfalls in doppelter Hinsicht. Auch sie wurden nach den Vorstellungen zu sexuellen Zielobjekten der Besucher.
Die lizensierten Bordelle dienten aber auch Künstlem, Dramatikern, Holzschnittzeichnern, Schriftstellern und Musikern als Salon.
Oft bildeten die Vergnügungsviertel über Jahrhunderte hinweg den Hauptschauplatz erotischer Literatur und trugen in Verbindung mit dem japanischen Familiensystem zu einer Trennung von Ehe und Erotik bei.
Die Kurtisanen gaben oft Literaten und Künstlern (vor allem Holzschnittmeistern) die Inspiration zu ihren Werken, so daß einige der Kurtisanen berühmt wurden. Dennoch konnten sie ihrer Abhängigkeit meist nicht entfliehen, denn ihren Besitzern standen drei Viertel ihres Verdienstes zu. Das restliche Viertel benötigten sie zu ihrer Ausstattung und Aufmachung. Die Freiheit winkte nur beim schon vorher erwähnten Freikauf durch einen reichen Gönner. In der japanischen Literatur ist eins der vorherrschenden Themen die Liebe einer Kurtisane zu einem Mann, der sie sich nicht leisten konnte.
Späte Neuzeit (1868-1912)
Im Zuge verschiedener Modernisierungsprogramme der Meiji-Regierung sollten die Prostituierten gesellschaftlich resozialisiert werden, jedenfalls auf dem Papier: Die Meiji-Regierung erließ ein Edikt, das offiziell den semmin Status abschaffte. Die beiden Paria-Kasten sollten fortan als shinheimin ("Neubürgerliebe“) leben. Trotzdem blieben beide Gruppen soziale Außenseiter.
1872 kam es zu einem Gesetzeserlaß, der den Menschenhandel verbot und die Freilassung der Freudenmädchen vorsah. Das Gesetz scheiterte jedoch an der praktischen Durchführung, weil es keinerlei Maßnahmen zur Folgebetreuung der Mädchen vorsah.
Außerdem hieß es auch, daß ein Arbeitnehmer beim Verlassen seines Arbeitsplatzes nichts mitnehmen durfte, was seinem Arbeitgeber gehörte. Faktisch aber gehörte selbst die Kleidung der Mädchen oft noch dem Besitzer, was einen Ausstieg praktisch unmöglich machte.
Weitere Gesetze sahen eine Lizensierung der Prostitution vor und verlangten ihre strikte Trennung von künstlerischen Darbietungen. Die Prostitution an sich wurde in nochmals eigene Bezirke verwiesen, wo sie im Bordellbetrieb mit eigenen Zubringergaststätten betrieben wurde.
Trotz der gesetzlich vorgeschriebenen Trennung von Kunst und Prostitution behielten viele Künstlerinnen ihren Nebenjob, so daß um 1900 ein weiteres Gesetz erlassen wurde, das künstlerische Betätigung einer Prostituierten strikt verbot. Parallel dazu verlief eine Anti-Prostitutionsbewegung. Aber auch diese bewirkte keine entscheidende Änderung. Die Künstlerinnen und im Gastgewerbe tätigen Mädchen sowie die Straßenmädchen blieben Bestandteil des Stadtbildes.
Gegenwart
Zweiter Weltkrieg
1940 waren in Japan 225.000 gewerblich Prostituierte registriert, die Teestubenmädchen und Straßendirnen nicht mitgezählt. Während des zweiten Weltkrieges wurde ein neuer Prostituierten-Typus, die ianfu,
von der Regierung rekrutiert. Die Mädchen kamen größtenteils aus Korea und wurden zur "Truppenbetreuung" eingesetzt. Das System wurde 1938 von der japanischen Kommandozentrale eingeführt und existierte bis zum Ende des Krieges. Ziel und Zweck war es, Unruhen und Aufstände in den besetzten Gebieten zu vermeiden. Diese entstanden, wenn sexuell ausgehungerte Soldaten einheimische Frauen vergewaltigten. Außerdem wollte man die Soldaten vor fremden Geschlechtskrankheiten schützen. Deshalb wurde den Soldaten beim Besuch einer ianfu immer ein Präservativ mitgegeben. Etwa 80.000 ianfus zogen so während der Kriegsjahre mit den Truppen umher. Ein japanisches Lexikon erklärt die ianfu sehr illusorisch: "Eine Frau, die mit den Truppen ins Feld zieht und die Soldaten unterhält und tröstet." Im Soldatenmund aber hießen sie einfach nur "öffentliche Toiletten" und wurden auch so behandelt. Sie lebten in abgesonderten Baracken und hatten durchschnittlich 30 Männer pro Tag.
Amerikanische Besatzungszeit
Nach dem Krieg setzte in Japan das "Katastrophen-Syndrom" ein: Für viele Frauen war die Prostitution einzige Überlebensmöglichkeit. Die meisten ihrer Kunden waren amerikanische Armeeangehörige, sie besaßen in den ausgebombten Städten oft Luxuswaren und Konsumgüter, die als Zahlungsmittel verwendet wurden.
Mit der amerikanischen Besatzung erfolgte auch eine Übernahme westlicher Werte; auch in Hinsicht auf die Prostitution. Lange bezeichnet die Besatzungszeit der Amerikaner als einen großen Einschnitt in die Tradition der erotischen Freizügigkeit der Japaner.
Dies äußerte sich konkret in den restriktiven Nachkriegsgesetzen in Bezug auf Prostitution, die nicht von den Japanern, sondern von den Amerikanern initiiert wurden.
Nach dem verlorenen Krieg gingen die Japaner davon aus, daß die Amerikaner vor den Frauen auf dem Land nicht halt machen würden. Um die einheimischen Frauen zu schützen, kam es zur Gründung sogenannter "Recreation and Amusement Associations". Weiterhin wurden Polizeireviere dazu aufgefordert, noch einmal ianfus aufzutreiben. In Tôkyô fand man zum Beispiel folgende Anzeige:
„Gesucht: Modern denkende Frauen als Stütze bei der wichtigen Aufgabe, Alliierte Truppen in nationalen Noteinrichtungen zu trösten. Alter: 18-25 Jahre.“
Es kamen ca. 50.000 "gewillte" Frauen zusammen, doch waren viele von ihnen geschlechtskrank, zudem fanden amerikanische Soldaten die Geishas sehr viel attraktiver, wobei sie schnell lernen mußten, daß Geishas keineswegs zum Beischlaf bereit waren.
In dieser Zeit etablierte sich ein neuer Typ von Prostituierten, die pampan, im weitesten Sinne kann man sie als die "professionelle" Dirne bezeichnen. Sie wurde nicht aufgrund von ähnlicher Herkunft zu diesem Gewerbe gezwungen, sie suchte selbstbewußt den Kontakt zu amerikanischen Soldaten. Von der japanischen Bevölkerung wurden diese Mädchen meist verachtet. Die pampan hatten ihre Sammelpunkte in der Nähe von amerikanischen Armeestützpunkten. In der Stadt Tachikawa kamen zum Beispiel auf 55.000 Einwohner 5.000 pampans. Sie entzogen sich der behördlichen Kontrolle und bildeten eigene Organisationen mit Hauptquartier und richtigen Organigrammen. Sie gründeten gemeinsame Fonds und steckten in Verhandlungen mit lokalen Einheiten ihre Interessens- und Gewerbegebiete ab. Sie waren Geschäftsfrauen, die hartnäckig an der Durchsetzung ihrer Ziele arbeiteten.
Die Amerikaner verursachten mit ihrer Vorliebe für den Namen "Geisha" das weitverbreitete Mißverständnis über selbige; die Amerikaner nannten jede Prostituierte, weil ihnen der Name so gut gefiel, Geisha. Die Dirnen selbst hatten nichts dagegen, denn es war ihrem Geschäft nützlich. Als Reaktion darauf sind die Geishas seit Kriegsende in Gewerkschaften organisiert, die gegen das Vorurteil ankämpfen, eine Geisha sei eine bessere Prostituierte. Sie legen höchsten Wert darauf, daß sie Künstlerinnen sind und keine Prostituierten. Die heutigen Geishas fordern eine scharfe Trennung von der Prostitutionswelt.
1946 kam es zur Formulierung einer Denkschrift durch die Alliierten, ihnen voran General McArthur. Sie beinhaltete die Forderung nach einem Gesetz, welches die Prostitution institutionell verbot. Die Zahlen beweisen, daß dies der Prostitution keinen Abbruch tat: 1955 arbeiteten in den 1921 gemeldeten Bordellinstitutionen in Bordellvierteln, den yukaku, 129.008 registrierte Prostituierte, Schätzungen sprechen von weiteren 300.000 bis 500.000 Geheimprostituierten.
Dennoch gab es auch einige Neuerungen: Neu war die Höhe der prozentualen Abgabe. Die Mädchen mußten "nur" noch zwei Drittel ihrer Einnahmen an das Freudenhaus abliefern. Sie hatten nun die Möglichkeit, das Etablissement zu wechseln. Außerdem kam es zur Bildung von Prostituiertenverbänden, die die Form traditioneller japanischer Verbände annahmen.
1958 wurde aus der Forderung ein Gesetz, das gewerbliche Prostitution und Kuppelei verbot. Es erfolgte eine Auflösung der Vergnügungsviertel, auch des berühmten Yoshiwara-Viertels. Die bis dahin vollzogene gastronomische und hygienische Kontrolle der Häuser sowie der Gesundheitscheck der Mädchen entfiel. Wie oberflächlich prüde letztendlich das Gesetz war, beschreibt Schwalbe:
Bei dem Gesetz von 1958 [... ] ging es offenbar nur um eine Formalität, keineswegs um eine moralische Diffamierung der Prostitution. Denn das sogenannte "entertainment by women" in ihren eigenen Häusern ist ausdrücklich nicht verboten - Prostitution an sich gilt also gar nicht als Verbrechen.
Betroffen waren von diesem Gesetz die 3.500 Bordelle mit ca. 130.000 gewerblich tätigen Dirnen, die sich bis dahin regelmäßig einer Kontrolle durch die Gesundheitsbehörde hatten unterziehen lassen müssen. Gegner des Gesetzes sahen darin eine Gefährdung der Volksgesundheit. Diese spielte vor Inkrafttreten des Gesetzes eine nicht unerhebliche Rolle. Zu diesem Zweck gab es bis 1958 sogar einen Bordellbesitzer-Verband mit dem blumigen Namen "Selbständiger Verband zur Verhütung venerischer Krankheiten", der sich, da es offiziell keine Prostitution mehr gab, auflöste (auflösen mußte).
Einige Frauen versuchten sich mit mehr oder weniger Erfolg in anderen Berufen, heirateten oder gingen zurück aufs Land. Die Mehrzahl aber landete in getarnten Bars und Nachtlokalen. Das Gewerbe florierte also unter einem Deckmantel und örtlich verstreut weiter.
1962 erfolgte wieder ein Gesetz, das dem fortgesetzten Treiben durch strafrechtliche Verfolgung von Prostituierten Einhalt gebieten sollte. Außerdem sah es Rehabilitationsmaßnahmen vor. Auch dieses Gesetz bewirkte keine entscheidende Veränderung.
Das heutige mizu shobai (Wassergeschäft)
Das Geschäft mit der Liebe floriert auch heute noch, wenn auch in neuen Kulissen und mit neuem Namen. Früher hieß diese Amüsierwelt noch ukiyo;
heute trägt die gesamte nächtliche Industrie Japans den Namen mizu shobai ("Wasserhandel"). Heutigen Schätzungen zufolge arbeiten gegenwärtig etwa zwei Millionen Frauen im sogenannten Wassergewerbe als Hostessen, Bademädchen, Tänzerinnen usw., von denen ein beträchtlicher Teil als Prostituierte arbeitet.
Mit der institutionellen Abschaffung der Prostitution erlebten althergediente harmlosere Vergnügungsstätten den Aufschwung: Dies waren Lokale mit Animierdamen, Hostessen ("Nacht-Schmetterlinge"), Teeläden mit speziellen Teashop-Girls sowie türkische Bäder, in denen die Männer durch Masseusen eine Art passive Masturbation erfuhren. Sie hatten halblegalen Charakter.
Die heutige japanische Vergnügungswelt läßt sich dreiteilen. Sie ist streng hierarchisch gegliedert, wenn auch in neuen Kulissen: Es gibt einerseits Geishas, die sich als Künstlerinnen verstanden wissen wollen, dann die gewöhnlichen Prostituierten sowie diejenigen Frauen, die in Bars und anderen Vergnügungslokalen arbeiten.
Die Führung der Amüsierbetriebe unterliegt auch nicht mehr angesehenen Familien, sondern heute wird die gesamte Prostitution in stärkerem Maße als vorher von Gangstergruppen, allen voran die Yakuza (Japanische Mafia), die daraus neben dem Rauschgifthandel einen Großteil ihrer Einkünfte bezieht, geleitet.
Folgende Vergnügungskategorien finden sich heute in Japan:
1. "Soaplands" (sopurando):
Die Prostituierten arbeiten dort im Servicebereich, d.h. Reinigung, Kassieren und gewöhnliches Massieren. Dennoch sind die Frauen aufgrund des geringen Grundgehalts darauf angewiesen, "zusätzliche Leistungen" anzubieten. Die Szenerie muß man sich in etwa so vorstellen: Die männliche Kundschaft liegt auf Luftmatratzen, während sich die Frau auszieht, ihren Körper einseift und sich dann als "menschlicher Waschlappen" betätigt. Wem nach mehr gelüstet, dem kann geholfen werden - natürlich gegen Aufpreis.
Früher hießen diese Orte käuflicher Liebe "Türkische Bäder". Auf Protest von ortsansässigen Türken wurden sie in "Soaplands" jap. sopurando) umbenannt.
Eine "Sitzung" dort kostet etwa 175,00 EURO aufwärts.
Ein beliebtes Mädchen kann in einem "Soapland" schnell viel Geld verdienen, trotzdem kann sie dann nicht aufhören, denn die Yakuza, Japans Mafia, kontrolliert sie. Sie ist oft an einen Zuhälter, einen himo, gebunden und ihm willenlos ausgeliefert.
Da es im Grunde genommen nur zu einer institutionellen Verlagerung der Prostitution kam, forderte 1976 eine Gruppe weiblicher Parlamentarier gesetzliche Gegenmaßnahmen gegen halblegale Vergnügungshäuser, insbesondere gegen die "Soaplands".
2. Straßenstrich:
Die Straßenmädchen kommen oft von den Philippinen oder aus Korea und werden meist von der Yakuza importiert".
Sie gehen mit den Kunden meist in die sogenannten "Love-Hotels" (Stundenhotels). Dort sind sonst meist Ehepaare oder Liebespaare anzutreffen, die der Enge der häuslichen Atmosphäre entfliehen und dort ihrem "Vergnügen" nachkommen. Die Love-Hotels sind oft kitschig eingerichtet. Man ist dort um Diskretion bemüht. So gibt es zwei Eingänge und als besonderer Service werden die Autokennzeichen parkender Fahrzeuge verhüllt. Besucht werden die Love-Hotels meist am Tage. Ein einfaches Zimmer kostet ab 15,00 EURO, die teureren Luxusausgaben sind zusätzlich mit Video, Badewanne oder verspiegeltem Drehbett versehen. Tagsüber gilt der sogenannte Zwei-Stunden-Tarif.
3. "Host-Clubs"/Telefonclubs:
Für Damen und Herren gleichermaßen gibt es sogenannte "Host-Clubs" oder Telefonclubs, die terekura. Junge Männer dürfen dort gegen Entgelt in einer Kabine auf den Anruf eines Mädchens, das diese Telefonnummer auf der Straße bekommen hat, warten. Der dort betriebene Telefonsex schließt ein späteres persönliches Kennenlernen nicht aus.
4. Kyabarei:
In den kyabarei, den Live-Sex-Shows, wird dem Publikum die Möglichkeit geboten, sich auf der Bühne sexuell zu betätigen. Der Gast kann sich auch eine weibliche Begleitung für Plaudereien und mehr bestellen.
5. "Snacks":
In den sogenannten"Snacks" kümmern sich eine oder mehrere Bardamen mütterlich um die Gäste, dabei kann es auch schon zu eindeutigen Offerten kommen.82 Sie sind die harmlosere Version der Bars.
6. Bars:
In Tôkyô gibt es heute ca. 9.700 Bars, Kabaretts, Nachtclubs und ähnliche Lokale. 50.000 Frauen arbeiten dort als Hostessen. Im gesamten Land gibt es ca. eine Millionen Hostessen, in Ginza, Tôkyôs elegantem Vergnügungsviertel, arbeiten allein 16.000.
Als Hosteß (hosutesu) arbeiten vorwiegend Japanerinnen, während in den "härteren Gefilden" meist Philippininnen und Koreanerinnen zu finden sind.
Die Hostessen sollen in erster Hinsicht das männliche Ego streicheln und die Kunden unterhalten. Wenn sie nach Geschäftsschluß noch mit dem Kunden weggehen, so ist das nicht verboten. Sie selbst versichern, daß sie nichts mit den Mädchen in den "Soaplands" zu tun haben. Eine Hosteß sagt:
"Man muß einfach abwägen, ob man mehr oder weniger von den Gästen haben will, das bedeutet mehr oder weniger Geld. Deshalb schläft die Nummer eins [Anm. die beliebteste im Club] immer mit ihren Gästen. Aber wir nehmen dafür kein Geld. Wir sind keine Prostituierten. Wir haben unseren Stolz."
Die Mädchen, die als Hostessen arbeiten, kommen aus den unterschiedlichsten Milieus: Studentinnen, zur Aufbesserung des Taschengelds, ehemalige Angestellte, die die Hoffnung auf qualifizierte Arbeit aufgegeben haben, alleinstehende Mütter, die ihre Kinder tagsüber nicht unterbringen können oder einfach Frauen, die keinen Hausfrauenstatus einnehmen wollen.
Die Arbeitsgebiete einer Hosteß sehen folgendermaßen aus: Sie ist zur Bedienung der Gäste da, muß sich zu den Männern an den Tisch setzen, ihnen ihre Zigaretten anzünden, Getränke einschenken und ihnen ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln. Ihr Lohn hängt davon ab, wieviel der Kunde am Abend konsumiert. Es gibt spezielle Instruktionsbücher, welche die gewünschten Verhaltensmaßregeln vorgeben. Sie verbieten den sexuellen Kontakt mit dem Kunden nicht, allerdings sollte er frühestens nach acht bis zehn Besuchen stattfinden.
In gewisser Hinsicht sind die Nachtclub-Hostessen und Barmädchen also die "billigere" Version der Geishas. Sie bewegen sich auf der "Unterhaltungsschiene" und bieten darüber hinaus noch die Erfüllung sexueller Wünsche. Da sich die Hosteß ebenfalls im Kimono zeigt, bleibt für den Ausländer der Unterschied zwischen beiden im Unklaren. Die richtigen Geishas möchten das Problem der Verwechslung gelöst wissen. Sie fordem eine Professionallsierung. Geisha sollte ein amtlich anerkannter Beruf werden. Die japanische Politik hat aber bisher keine Anstalten gemacht, die Situation zu ändern. Die Anzahl solcher Bars ist enorm. Ein anschauliches Bild über die Vielfalt der Bars liefern Braw/Gunnarsson:
"Es gibt Bars mit Namen aus allen Ecken der Welt, Bars, in denen man aus Leibeskräften singen darf, Bars, wo alle Mädchen als Stewardeß uniformiert sind, Bars, in denen Mädchen die Röcke heben (aber anfassen ist verboten), Bars, in denen man sein Bier auf einer Mini-Eisenbahn bekommt, in denen man das Gefühl hat, in einem Banktresor zu sitzen oder in einem Aquarium, wo die Fische vor den Fenstern vorbeischwimmen. Man braucht nur zu wählen - es gibt alles, was man sich wünschen kann."
7. Peepshow:
Voyeurismus hat in Japan keinen negativen, perversen Beigeschmack. Der Apa-City Guide Tôkyô schreibt: "Voyeurismus ist in Japan eine hochentwickelte Kunst, die schon namhafte Fotozeitschriften erobert hat". Bei den spezifisch japanischen Unterhaltungen liegt der Schwerpunkt auch mehr auf Voyeurismus, als auf eigenen Aktivitäten. Deshalb erfreuen sich die Peepshows reger Beliebtheit.
Ihren Anfang nahmen die Peepshows nach dem Krieg. Vor dem Weltkrieg erfreuten sich japanische Mädchen-Revue-Shows, welche sich selbst als dezente Unterhaltungsform für die ganze Familie sahen, großer Beliebtheit. Nach dem Krieg aber konnten sie an ihre Erfolge nicht mehr anknüpfen. Sensation war gefragt: Die "Strip-Show" erfuhr eine Welle der Begeisterung. Sie wurde von Hata Toyokichi ins Leben gerufen und 1948 im Teito-Theater in Shinjuku (Tôkyô) aufgeführt. In dieser Show posierten lediglich nackte Stripperinnen bewegungslos ihre Körper in Bilderrahmen. Daher auch der Name: Gakubuchi Show (Bilderrahmen-Show). Der Erfolg bescherte viele Nachahmer in anderen Städten. Inhaltlich ist diese Show aber nicht mit den "Peep-Shows" gleichzusetzen. Sie hatten immer noch Revue-Charakter, da zwischen den "Posings" "Tanz- und Clownereien" stattfanden.
Heute befindet sich ein bekanntes Strip-Theater in der Nichigeki-Music-Hall in Tôkyô.
Voyeurismus wird heute auch-in den no pan kissa Cafes, den sogenannten Unten-ohne-Cafes mit verspiegeltem Fußboden sowie den Oben-ohne Bars, intimen Peep-Show-Kabinen (nozokibeya), mit oder ohne Telefon für spezielle Wünsche, oder in den Pink Salons, wo alles unter dem Tisch abläuft, angeboten.
8. Sex-Reisen:
Populär geworden bei den japanischen Männern sind auch sogenannte Sex-Reisen nach Korea, auch Kisaeng-Tourismus genannt.
Bemerkungen
Warum zeigt man in Japan größere Akzeptanz gegenüber der Prostitution als im Westen? Auch hier weist uns ein Blick auf die Geschichte den Weg: Mit ihren künstlerischen Fähigkeiten hatte die japanische Dirne einen ganz anderen Status. Auch wenn sich die Japaner von dem "Kunstaspekt" immer mehr entfernt haben, ist er noch immanent. Es geht in den Animierbars noch mehr um das "Spiel". In Deutschland hatte die Prostitution historisch nie etwas mit Kunst zu tun. Deutsche Männer gehen in solche Etablissements, um sich sexuell befriedigen zu lassen. Ein "künstlerisches Vorspiel" war und ist nicht gefragt.
Literaturverzeichnis
Braw, Monica/Hiroe Gunnarson. 1982. Frauen in Japan. Zwischen Tradition und Aufbruch.
Frankfurt am Main.
Buruma, lan. 1988. Japan hinter dem Lächeln. Götter, Gangster und Geishas.
(Übersetz. von Bernd Rullkötter). Frankfurt a. Main/Berlin.
Hammitzsch, Horst. 1990. Japan-Handbuch. Land und Leute, Kultur und Geistesleben.
3. Auflage. Stuttgart.
Lange, Barbara. 1987. Japan. 2., von der Autorin durchgesehene Auflage. Olten.
Lewin, Bruno: Kleines Wörterbuch der Japanologie. 2. unveränderte Auflage. Wiesbaden 1981.
Linhart, Ruth. 1991. Onna da kara. Weil ich eine Frau bin. Liebe, Ehe und Sexualität in Japan.
Wien. (= Reihe Frauenforschung Band 16.).
Marco Polo-Reiseführer. 1993. Tokio. Mairs.
Rivas-Micoud, Miguel (Hrsg.). 1992. Tokio. Berlin, Gütersloh, Leipzig, München,
Potsdam, Stuttgart 1992. (= Reihe Apa City Guides).
Schwalbe, Hans. 1979. Japan. 2. veränderte Auflage. München. |