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Japan ist das Industrieland mit der niedrigsten Kriminalitätsrate der
Welt. Und obwohl Japan die niedrigste Kriminalitätsrate der Industriestaaten überhaupt
hat, hat es mit der Yakuza das mächtigste Verbrecher-Syndikat der Welt. Die
Mitgliederzahl wird auf fast 100.000 Menschen geschätzt. Dagegen hat die US-Mafia mit
rund 2000 Aktivisten eine sehr geringe Anhängerzahl. Die amerikanische Mafia ist mit der
japanischen nur schwer vergleichbar.
Die Yakuza-Syndikate haben das Monopol auf Drogen- und Mädchenhandel,
Prostitution, Glücksspiel und Waffenhandel. Sie kontrollieren die Unterhaltungsindustrie
inklusive dem Fernsehen und dem Profisport mit dem dazugehörigen Wettgeschäft. Sie
beherrschen mindestens 50 % des Immobilienmarktes. Sie verleihen mehr Geld an
Privatpersonen als alle japanischen Banken zusammen und beeinflussen so den Kapitalmarkt
Japans.
Über die Büros der einzelnen Banden und Syndikate werden für diese
Geschäfte mehr als 20.000 Firmen legal geleitet. Wenn Ziele auf legalem Wege nicht zu
erreichen sind, greifen die Banden unter Umständen auch zu Mord.
Die Yakuza ist sehr politisch: Sie streitet und mordet für die
japanische Marktwirtschaft und für die japanische Tradition. Sie setzt sich für
Kapitalismus und Kaisertum ein. Die einzelnen Gruppierungen stellen das herrschende System
nicht in Frage, sondern unterstützen es. Ihre Führer verstehen sich als Wächter der
kapitalistischen Ordnung, als Wächter der langjährigen (bis 1993) Regierungspartei LDP.
Mit Mord, Drohung und Korruption trugen die Banden dazu bei, daß liberale,
sozialdemokratische oder gar sozialistische Oppositionen lange Zeit nicht an die Macht
kamen.
Die Yakuza macht in Japan selbst kaum Schlagzeilen. Es ist unjapanisch,
über das organisierte Verbrechen zu sprechen. Der Durchschnittsjapaner kommt mit der
Yakuza nicht in Kontakt.
Es gibt Zeitschriften von Yakuza für Yakuza, zu der aber andere keinen
Zugang haben. Diese Zeitschriften sind eine Mischung aus leichtem Soft-Porno oder auch
seichtem Sado-Porno, Comics, Kaiserverehrung, sentimentaler Helden-Lyrik und Meldungen
über bedeutende Treffen der Gangsterbosse und Veränderungen in der Syndikatsleitung.
Der ordentliche Japaner nimmt von diesen Publikationen keine Notiz. Er
hat oft ein verklärtes Bild vom Yakuza. Dazu tragen die zahlreichen romantischen
Heldengeschichten der Yakuza in Schlagern, Romanen, Filmen und Gedichten bei. Dort geht es
um Geschichten vom Verlierer zum Sieger, um Disziplin, Mut, Gehorsam und bedingungslose
Treue. Yakuza selbst wollen sich oft als "der arme, ehrliche Junge" sehen, der
zunächst reich und dann Rächer der Armen wird. Oftmals wird dem Yakuza eine Art
"Robin Hood Rolle" zugedacht. Man spricht vom "Robin Hood im
Nadelstreifenanzug".
Einige Eigenschaften zeichnen den richtigen Yakuza aus: In der
Außenwelt trägt er vornehmlich Nadelstreifenanzüge, Zuhause und auch im Büro weiße
Unterhosen. Die Unterhosen erlauben einen Blick auf den oft meisterhaft tätowierten
Körper vieler Yakuza. Die Unterhosen werden in der Regel mehrmals täglich gewechselt,
die meisten Yakuza sind Sauberkeitsfanatiker. In den Zentralen der Yakuza laufen 24
Stunden am Tag Kindercomics auf überdimensionalen Leinwänden. Die Räume sind in allen
Zentralen ähnlich. Beim Bandenboss hängen auf kleinen Holztäfelchen die Namen aller
Bandenmitglieder, in der Reihenfolge ihres Ranges. Die Namen der Mitglieder, die sich
gerade im Gefängnis befinden, sind besonders gekennzeichnet. Oft befinden sich auch ein
Shintô-Schrein und Räucherstäbchen im Chefzimmer. Die Gebäude, in denen die
Yakuza-Zentralen untergebracht sind, sind nicht unbekannt. Große Firmen- bzw.
Namensschilder zeigen ganz deutlich und für jedermann erkenntlich, daß sich dort ein
Yakuza-Syndikat befindet.
Die Bandenführer legen großen Wert auf teure Wertsachen. So ist es
für sie nicht ungewöhnlich, teure, extra angefertigte Schmuckstücke und Uhren zu
tragen. Yakuza-Bosse geben schon mal eine Million Dollar für eine besondere Uhr aus.
Bei den Autos handelt es sich meistens um besonders veredelte,
verlängerte Mercedes. An den weiteren Extras am Auto kann man die hierarchische Stellung
des Besitzers erkennen. (TV, Telefon, Fax, Kühlschrank).
Wenn man auf den Straßen eine Kolonne von überlangen Mercedes sieht,
macht man automatisch Platz.
Ein fürchterlicher Zeitvertreib der Yakuza sind Hundekämpfe. Hier
siegt nicht der stärkere Hund, sondern der Diszipliniertere, Zähere, Mutigere. Verloren
hat der Hund, der den Schwanz einen Moment sinken läßt, mehr als drei Schritte
zurückweicht oder einen Laut von sich gibt. Tödliche Verletzungen sind dabei sehr
selten.
Bei solchen groß angelegten Kämpfen treffen viele Yakuza zusammen.
Die einzelnen Bosse verneigen sich tief voreinander und tauschen grundsätzlich ihre nicht
selten mit Gold gedruckten ausgefallenen Visitenkarten aus. Sie sind in der Regel auch
größer als gewöhnliche Visitenkarten, denn sie sind mit Informationen
"vollgestopft": Name, Name der Gang, Position in der Gang, Position innerhalb
des gesamten Syndikats und möglichst viele Anschriften und Telefonnummern.
Ein weiterer Zeitvertreib sind Wettspiele. Bekannt ist eine Art
Yakuza-Würfelspiel. Man würfelt mit einer bestimmten Anzahl von Würfeln, wer die
höchste Zahl hat, gewinnt. In jeder schnellen Runde wechseln ca. 1000 DM den Besitzer.
Auch Baseball-Wetten bringen pro Spiel mehr als eine Million Mark.
Yakuza sehen sich gerne in der Tradition der Samurai. Es gibt jedoch
keinerlei Verbindung zwischen der Samurai- und der Yakuza-Tradition. Die Syndikate sind
Nachfolger der jahrhundertealten Vereinigung von reisenden Straßenhändlern und
Glücksspielern. Die Angehörigen dieser Berufsgruppe kamen nicht selten aus der Gruppe
der Burakumin. Auch sonst zählten sie als gefürchtete Betrüger zu den ausgestoßenen
Japanern.
Geblieben sind die Tradition der Tätowierung (meist
Ganzkörpertätowierung) und das Fingerabschneiden.
Ein Yakuza erzählt wie er zum Verlust seines Fingers kam:
Ein Kind von mir hat einen
Typen von der Konkurrenz umgelegt. Eine Dummheit. Mein Junge hat mir gleich seinen Finger
gebracht. Ich habe ihn angenommen, denn er war eigentlich ein guter Junge. Dann mußte ich
dem anderen Boß meinen Finger geben, weil ich keinen Krieg wegen der Dummheit wollte. Der
andere hat meinen Finger angenommen, und die Sache war ohne Krieg erledigt.
Das Abschneiden von Fingergliedern, yubitsume,
ist die traditionelle Unterwerfungsgeste der Yakuza. Meist kürzt sich der Yakuza schon in
den Lehrjahren einen kleinen Finger um einer Bestrafung durch den "Vater" zu
entgehen, und ihm bedingungslose Treue zu erweisen. Einem Bandenmitglied, das viel Pech im
Leben hat, fehlen meistens viele Fingerglieder. Zum Abtrennen eines Stücks Finger mit dem
Schwert zieht sich das Opfer allein zurück. Niemand darf ihm beistehen. In möglichst
kostbare Seide gehüllt wird das Teil dem Boß überreicht. Der kann die Annahme
verweigern. Das bedeutet für den Verstümmelten den Ausschluß aus der Gang oder den Tod.
Auch zwischen den Bossen werden Fingerglieder ausgetauscht. Die Geste sagt, daß der Geber
sich symbolisch unterwirft und damit in einem Konflikt zwischen Gangs nachgibt. Die
Annahme des Geschenks beendigt die Auseinandersetzung. Die Fingerspitzen werden, in
Spiritus gelegt, aufbewahrt. Das Fingerabschneiden hat auch einen praktischen Sinn: Mit
jedem verlorenen Fingerglied liegt das Schwert schlechter in der Hand. Bei Verlust des
letzten Glieds kann man kein Yakuza mehr sein. Mit abgehacktem Fingerglied ist ein Leben
in der bürgerlichen Gesellschaft unmöglich.
Eine ähnliche Funktion haben die Ganzkörpertätowierungen. Es dauert
Jahre, bis ein solches Kunstwerk fertiggestellt ist. Es ist eine recht schmerzliche
Prozedur, besonders da die Yakuza auf elektrische Nadeln verzichten, sie lassen sich die
Farbe mit Holzstäbchen unter die Haut stechen. Auch die Finanzen schränken die
"Geschwindigkeit" einer solchen Tätowierung ein. Es wird in Raten tätowiert
und in Raten gezahlt.
Noch immer kommen die meisten Yakuza aus den untersten Schichten. Der
Nachwuchs wird aus Jugendbanden und Jugendgefängnissen rekrutiert. Die Zahl der
Mitglieder aus bürgerlichen Familien wächst. Jugendliche, die im bürgerlichen Leben
scheitern, sehen ihre letzte Chance oft bei den Yakuza.
Der Yakuza-Boss ist Vater für seine Untergebenen. Seine Untergebenen
sind seine Kinder, für die er sich verantwortlich fühlt. Er fordert bedingungslosen
Gehorsam. Er schlägt seine "Kinder", zwingt sie zur Selbstverstümmelung bei
Fehlern und auch zur Bereitschaft, ihr Leben für ihn einzusetzen. Als Gegenleistung
verspricht er ihnen lebenslangen Schutz und Geborgenheit innerhalb der Gang. Ein
Yakuza-Lehrling schwört der leiblichen Familie ab; er verspricht, eher Vater und Mutter
sterben zu lassen, als seine Pflichten gegenüber der Gang zu vernachlässigen. Er
verbündet sich ganz offiziell mit seinem neuen Vater. Zusammen mit seinem Chef tauscht er
vor dem "Firmen"-Shintô-Schrein Blut aus (manchmal auch nur Sake) und gelobt:
"Ich folge dir Vater, durch Feuer und Flut, auch wenn meine leiblichen Eltern
verhungern oder es mein eigenes Leben kostet".
Der Yakuza muß seinem Boß ein Leben lang dienen, er ist quasi
"unkündbar". Die furchtbarste Strafe ist es, aus der Bandenfamilie verstoßen
zu werden. Alle Yakuza-Banden Japans werden von der Schande benachrichtigt. Auch die
schlimmsten Feinde seines ehemaligen Bosses werden den Verstoßenen nicht aufnehmen. Eine
Rückkehr ins bürgerliche Leben ist genauso unmöglich.
Neben der Vater-Kind Hierarchie gibt es unter den Mitgliedern einer
Gang weitere "familiäre" Bindungen. Man hat jüngere und ältere Brüder, je
nach deren Rang in der Organisation. Die Frau des Bosses ist für alle höherstehenden
Mitglieder die "ältere Schwester". Sie ist das einzige weibliche Wesen, das in
der Yakuza überhaupt eine Rolle spielt. Die Frauen der einfachen Yakuza werden meist für
Nebeneinnahmen zur Prostitution gezwungen. Die wirkliche Familie spielt also bei den
Yakuza gar keine Rolle. (Hier unterscheiden sie sich ganz gravierend von der Mafia).
Während die Mafiosi zum Muttertag dienstfrei bekommen, ruht die Arbeit der Yakuza an
Kaisers Geburtstag.
Miata, ein Yakuza Boß, schreibt:
Nun bin ich reich. Ich
zeige meinen Reichtum. Aber die anderen, die Normalen, würden mich anspucken, wenn sie
keine Angst vor mir hätten. Natürlich sind wir schlecht. Wir müssen töten, um zu
überleben. Aber wir sind gut zu unseren Kindern, gut zu unserem Vaterland. Keiner verehrt
den göttlichen Kaiser wie wir. Wir sind es, die Sitte und Anstand verteidigen. Ohne uns
wäre Japan längst kommunistisch.
Die Yakuza haben einen eigenen
Yakuza-Slang, der für einen normalen Japaner nur schwer zu verstehen ist.
Ein durchschnittliches Geschäft mag so verlaufen: Ein großer Konzern
wendet sich an die Yakuza, weil er für neue Firmen viel Land benötigt. Die Firma hat
sich schon ein Stück Land ausgesucht, auf dem aber zum Beispiel viele ältere Bauten
stehen. Die Besitzer wollen nicht verkaufen. Dann kommt die Yakuza zu Hilfe. Mit ihren
Methoden schafft sie es in der Regel recht schnell, die alten Besitzer zum Rückzug zu
bewegen. Die alten Besitzer verkaufen, einer nach dem anderen, ihre Häuser an die Yakuza,
solange, bis ein großes Grundstück zusammengekommen ist. Dieses verkauft dann die Yakuza
an den Interessenten, der dort bauen will. Mit Vorliebe sucht sich die Yakuza solche Leute
aus, die in Geldschwierigkeiten stecken aber Land besitzen. Die Yakuza gibt jedem Kredit.
Die Zinsen sind zwar sehr viel höher als bei Banken, aber die Yakuza fragt nicht nach
Kreditwürdigkeit. Sie ist glücklich, wenn ihr Schuldner nicht zahlen kann, und sie so
günstig an neues Land kommen.
In Japan ist es immer noch anrüchig, Geld zu leihen. Man verliert sein
Gesicht, wenn man bei einer Bank einen Kredit aufnimmt. Man geht lieber zu den Yakuza, die
diskret und anonym Geld verleihen. Auch wenn hier der Zinssatz bei über 50 % liegen kann.
Säumige Zahler erhalten zunächst Hausbesuch von rüden Männern, die
in der Folge auch am Arbeitsplatz, bei Verwandten oder auch in der Schule der Kinder
auftauchen. Dem Schuldner droht totaler Gesichstverlust. Er tut meist alles, um seine
Schulden termingerecht zu bezahlen. Ist dies nicht möglich, endet ein solches Geschäft
oft mit dem Selbstmord des Schuldners, der zuvor seine Familie umgebracht hat.
Makler und Yakuza arbeiten zuweilen Hand in Hand. Angesehene
Immobilienfirmen wenden sich an die Yakuza, wenn sie neue Häuser benötigen. Die Yakuza
bedient sich recht unfeiner Methoden, um Menschen aus Häusern hinauszuekeln. Im ersten
Schritt wird den Altmietern oder -besitzern Geld angeboten. Die gebotenen Geldbeträge
sind in der Regel sehr fair. Will der Mieter oder Besitzer jedoch nicht auf diesen Handel
eingehen, wenden die Yakuza andere Methoden an: Drohungen, Feuer oder - sehr viel
wirksamer - sie suchen einen wunden Punkt in der Familie, der bei der Familie zu einem
Gesichtsverlust führen kann, z.B. eheliche Untreue der Frau, Trinkgewohnheiten und andere
sittenwidrige Verfehlungen.
Polizei und Behörden bleiben meist passive Beobachter. Bei größeren
Anlässen bietet die Polizei den Yakuza-Bossen sogar Geleitschutz.
Die Yakuza erkennen Polizei und Gerichte als unbedingt notwendige
Institutionen an, um Ordnung und Harmonie zu erhalten Ein Yakuza schreibt:
Wir achten die Polizei. Sie
ist unser Partner, so sollte es jedenfalls sein. Das unterscheidet uns von der Mafia. Wenn
es unter uns zu Auseinandersetzungen kommt und jemand stirbt, geht das zunächst nur uns
an. Wenn ein Mord aber bekannt wird, muß die Polizei natürlich etwas tun, sonst käme
das Chaos. Dann arbeiten wir mit der Polizei zusammen. Wir sagen, ja, natürlich, meine
Familie hat einen Mord begangen. Ich bestimme eines meiner Kinder, das für den Mord ins
Gefängnis geht. Da muß niemand lange ermitteln, und deshalb haben wir keinen Ärger mit
der Polizei.
Fast jeder Yakuza kommt auf mindestens zehn Jahre Haft, meist für
Taten, die ein anderes Familienmitglied begangen hat. Es gehört zur
Selbstverständlichkeit, daß die Yakuza bereit sind, nicht nur für ihren Boß zu
schießen, sondern auch zu büßen.
Die Yakuza organisiert den Mädchen- und Waffenhandel, meist mit
"Ware" aus den Philippinen. Kabukicho ist auch ohne Polizei das sicherste
Amüsierviertel der Welt. Die Yakuza duldet keine Kriminalität, auch keine
Kleinkriminalität wie Raub auf ihrem Territorium oder Beischlaf-Diebstahl. In Kabukicho
gibt es alles zu sehen und zu erleben, was man sich vorstellen oder auch nicht vorstellen
kann. Das gesamte Viertel gehört der Yakuza, sie organisiert und sorgt für Ordnung.
Auch Mädchen-Handel ist üblich. Eine flachbrüstige Japanerin bringt
nur 1500 Dollar, eine gutgebaute Philippinin 25 000 Dollar. Hier blüht ihr Geschäft.
Zur Zeit ist ein Mann namens Matsuyama "Godfather" Japans:
In den letzten drei bis vier Jahren geht die Polizei verstärkt gegen die Yakuza vor.
Seit dem Regierungswechsel 1993 und der vermehrten Kritik aus dem Ausland steht die Yakuza
vor noch größeren Problemen.
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