Religionsfreiheit wird
allen garantiert. Keine religiöse Gemeinschaft darf vom Staat mit Sonderrechten
ausgestattet werden oder irgendeine politische Macht ausüben. Niemand darf gezwungen
werden, an irgendwelchen religiösen Handlungen, Feiern, Riten oder Übungen teilzunehmen.
Der Staat und seine Organe enthalten sich der religiösen Erziehung oder irgendeiner
anderen religiösen Tätigkeit.
(Artikel 20 der Verfassung).
Die Religionen in Japan werden in Shintôismus, Buddhismus, Christentum
und Mischreligionen eingeteilt. Der Shintôismus ist die ursprüngliche Religion Japans,
die es nie außerhalb von Japan gegeben hat. Konfuzianismus und Taoismus sind in dem Sinn
keine Religionen sondern moralische Vorschriften.
Mitgliederzahlen 1992
Shintôismus: |
108,99 Mio. |
Buddhismus: |
96,25 Mio. |
Christentum: |
1,46 Mio. |
Mischreligionen: |
10,51 Mio. |
Gesamt |
217,21 Mio. |
Die Mitgliedszahlen aller religiösen Organisationen übersteigt die
Gesamtbevölkerung Japans (damals 124 Mio.; heute 125 Mio.). Allein die Anzahl der
Shintôisten und Buddhisten übersteigt die Bevölkerungszahl. Die Japaner gehören in der
Regel mindestens zwei religiösen Gemeinschaften an.
Der Shintôismus
Der Shintô ist eine rein japanische Religion, die sich nie über die
Grenzen Japans hinaus bewegt hat. Shintôisten sind - wie oben bereits erwähnt - mehr als
µ der japanischen Bevölkerung. Nur 3% der Gesamtbevölkerung (ab 18 Jahren) bekennt sich
jedoch tatsächlich zum Shintôismus. Der Shintô ist jedoch fester Bestandteil eines
jeden Japaners, denn jeder nimmt an den traditionellen shintôistischen Aktivitäten teil.
Auch die, die behaupten, der Religion gleichgültig gegenüberzustehen, kaufen
shintôistische Amulette, die sie im Straßenverkehr schützen sollen oder ihnen bei
Abschlußprüfungen helfen, feiern Hochzeiten nach shintôistischem Brauch und
"verjubeln" ihr Geld bei den jährlichen Shintô-Festen.
Die Bezeichnung "Shintô" tauchte erst im 6. Jahrhundert auf
und zwar vorrangig, um sich gegen den einfließenden Buddhismus abzugrenzen. Zuvor war der
Shintô zwar bereits existent aber nicht benannt. Der Beginn des Shintô fällt zusammen
mit der Mythologie zur Entstehung Japans. Shintô setzt sich zusammen aus den
Schriftzeichen für shin: Gott, Götter und tô: der Weg, der Pfad, Shintô
kann also übersetzt werden mit "dem Weg der Götter" (siehe: Geschichte).
Wichtiger Bestandteil des Shintô ist der Ahnenkult: Die Shintôisten glauben, daß eine
"abgeschiedene" Seele immer noch ihre Individualität hat, und daß sie durch
den Tod verunreinigt worden ist. Wenn die Hinterbliebenen Gedächtnisriten durchführen,
wird die Seele von jeder Bosheit gereinigt und nimmt einen friedlichen und wohlwollenden
Charakter an. Im Laufe der Zeit steigt die Ahnenseele in den Rang einer Ahnen- oder
Schutzgottheit auf. Die Seele ist also unsterblich, sie wird nach und nach zu einer
Gottheit. Natur- und Ahnengötter werden als Geister betrachtet, die in der Luft schweben.
Sie erfüllen ihre noch lebenden Familienmitglieder. Bei Festen rufen die Menschen ihre
"Ahnengötter" herab, damit sie an besonderen heiligen Stätten
"absteigen". Man glaubt, daß die Götter vorübergehend in shintai -
verehrungswürdigen Dingen wie zum Beispiel Bäumen, Steinen, Spiegeln und Schwertern -
Wohnung nehmen. Ab dem 6. Jh. gingen die Menschen dazu über, für ihre Götter Schreine
zu bauen. Neben den Schreinen - als Wohnsitz der Götter - verehrt man aber auch besonders
schöne Landschaften, von denen man glaubt, daß sich Götter dort niederlassen würden.
Dazu gehört u.a. auch der Fuji-san.
Mit jedem Menschen, der in Japan stirbt, gibt es auf Dauer mehr Götter
- besser Ahnengötter - in Japan. Die Anzahl der Gottheiten nimmt folglich ständig zu.
Der Shintôismus hat keine festgelegte oder gar schriftlich
niedergelegte Lehre, keine Theologie, keine Gebote. Grundannahme ist, daß alles Leben gut
ist, wenn es die Harmonie fördert. Das Wertvollste ist es, in Harmonie mit den Göttern,
der Natur und der Dorfgemeinschaft zu sein. Alles, was die Harmonie und den Frieden
stört, ist schlecht.
Eine Art Gottesdienst fehlt; an die Stelle des Gottesdienstes treten
gemeinsame Feierlichkeiten und Feste. Die Feste gelten in der Regel stets der Ahnengöttin
Amaterasu und den eigenen "Familiengöttern".
Bedeutsam ist die absolute Reinlichkeit: Der Shintôist glaubt, daß er
sich, bevor er mit den Göttern in Verbindung treten kann, von aller moralischen
Unreinheit und Sünde reinigen müsse. Hier helfen die Reinigungsriten.
Man unterscheidet zwei grundlegende Riten:
1. Oharai: Beim oharai schwenkt ein Shintô-Priester
über dem zu reinigenden Gläubigen oder Gegenstand einen Zweig des immergrünen
Sakakibaumes, an dessen Spitze Papierstreifen oder Flachsfasern hängen.
2. Misogi: Beim misogi dagegen dient zur Reinigung
Wasser.
Der Buddhismus
1989 hatte der Buddhismus weltweit etwa 300 Millionen Anhänger,
ungefähr je 200 000 in Westeuropa und Nordamerika,
500 000 in Lateinamerika und 300 000 in der Sowjetunion. Doch die meisten Anhänger des
Buddhismus finden sich noch immer in asiatischen Ländern wie Sri Lanka, Birma, Thailand,
Japan, Korea und China, wobei zu bedenken ist, daß es mehrere hundert Buddhismus-Schulen
gibt.
Informationen über Buddhas Leben stammen größtenteils aus den
kanonischen Texten, die in der Sprache des alten Indiens, Pali, geschrieben sind. Der
Legende nach wurde Buddha an einem Vollmondtag im Mai des Jahres 623 v. Chr. als indischer
Prinz Siddhattha Gotama im Garten von Lumbini geboren. Sein Vater war König Suddhodana
und seine Mutter Königin Majadewi. Sie starb wenige Tage nach der Geburt des Kindes, und
so wurde eine Dame namens Mahapradshapati Gautami seine Pflegemutter. Mit 16 Jahren
heiratete er eine seiner Kusinen. Nach seiner Heirat führte er fast dreizehn Jahre lang
ein luxuriöses Leben in Unwissenheit über das schwere Leben außerhalb seines Palastes.
Im Laufe der Zeit setzte er sich zunehmend mit der Realität über das menschliche Leben
auseinander. In seinem 29. Lebensjahr - Wendepunkt seines Lebens - wurde ihm sein Sohn
Rahula geboren. Diesen Sohn betrachtete er als ein "Hindernis", denn er
erkannte, daß alle, die geboren werden, ohne Ausnahme, einer Krankheit und letztendlich
dem Tod preisgegeben sind. Er erlangte die Einsicht, daß das Leid allgegenwärtig ist,
und er traf den Entschluß, gegen die "universelle Krankheit" der Menschheit ein
Allheilmittel zu finden.
Er gab die königlichen Freuden auf und verließ eines Nachts sein
Zuhause. Er schnitt sich sein Haar ab, zog sich ein einfaches Gewand an und ging auf die
Suche nach der Wahrheit.
Er wanderte sechs Jahre lang durchs Land und suchte die Wahrheit über
das Leben und den Tod: Er suchte Lehrer des Hinduismus auf und verbrachte viel Zeit mit
Gurus. Keiner konnte ihm jedoch eine Antwort geben. Er gab sich der Meditation hin,
fastete, betrieb Yoga und Askese. Trotzdem erlangte er weder Frieden noch die Erleuchtung.
Schließlich kam er zu der Überzeugung, daß weder das Leben im Überfluß noch Askese
das Richtige seien. In den kommenden Jahren verfolgte er den "mittleren Weg" und
mied die beiden extremen Lebensweisen. Er meinte, daß die Antworten auf all seine Fragen
nur durch Meditation zu finden seien. Deshalb ließ er sich unter einem Pipalbaum, einem
indischen Feigenbaum, nieder und gab sich der Meditation hin. Er widerstand allen
Angriffen und Versuchungen des Teufels Mara und setzte seine Meditationen vier Wochen
(oder nach anderen Berichterstattungen auch sieben Wochen) fort, bis er das Nirvana
erreicht hatte. Auf diese Weise wurde Gautama - gemäß buddhistischer Terminologie - zum
Buddha, zum Erwachten oder Erleuchteten. Er hatte das endgültige Ziel, das Nirvana,
erreicht, einen Zustand des vollkommenen Friedens und der Erleuchtung, frei von Begierde
und Leiden.
Das Wissen der folgenden allgemeingültigen Erkenntnisse ist
Voraussetzung für die Erlösung:
Alle Existenz ist von Leiden gekennzeichnet.
Leiden entstehen aus einem Verlangen oder einer Gier.
Die Aufhebung der Gier hebt das Leiden auf.
Der Weg zur Aufhebung des Leidens ist der "achtfache Pfad",
durch den das Verhalten, das Denken und "das" Glauben geregelt wird.
Der "achtfache Pfad" enthält die ethischen Gebote Buddhas:
Rechte Anschauung, rechte Gesinnung, rechtes Reden, rechtes Handeln,
rechter Lebensunterhalt, rechtes Streben, rechtes Überdenken und rechtes Sich-Versenken.
Auch der Zen-Buddhismus beschäftigt sich mit der Frage, wie man das Nirvana, oder auch satori
(die Erleuchtung), erreichen kann.
Der Zen-Buddhismus
Zen wurde während der Kamakura-Zeit aus China übernommen und von
einer geistigen Elite gepflegt. Zen ist weder eine offizielle Lehre noch eine
herkömmliche Theorie. Zen ist die religiöse Praxis der asketischen Konzentrations- oder
Meditationsübung. Das Ziel dieser Übung ist die plötzliche Erleuchtung (satori).
Die Meditationsübungen (zazen) können in jedem Tempel ausgeführt werden und sind
an keine Sekte gebunden. Es gibt jedoch bestimmte Tempel, die sich die Übung des zazen
zur besonderen Aufgabe gemacht haben und daher Zen-Tempel genannt werden. Zen ist also
keine Lehre, sondern eine Übung, keine Theorie, sondern eine Praxis.
Zen ist die Praxis der Meditationsübung mit dem Ziel der Erleuchtung (satori).
Der Meditierende erhält von seinem Meister eine Meditationsaufgabe (kôan). Diese
Aufgaben sind grundsätzlich unlösbar. Diese paradoxen Aufgaben sollen zum Scheitern des
Intellekts führen. Und das Scheitern des gewohnten Verstandesdenkens soll dann zur
plötzlichen Erleuchtung verhelfen. Auch ein körperlicher Schlag des Meisters, im rechten
Augenblick geführt, kann zur plötzlichen Erleuchtung verhelfen.
Worin besteht nun diese Erleuchtung? Darauf gibt es keine
logisch-rationale Antwort. Der Meister erkennt die Erleuchtung des Schülers durch
schweigende Kommunikation. Jedenfalls ist die Erleuchtung keine Erkenntnis, sondern eine
existentielle Verwandlung. Der Erleuchtete erkennt nicht Buddha, er wird Buddha, d.h. der
Erleuchtete. Diese existentielle Verwandlung des Menschen nennen die Zen-Buddhisten ein
"Sterben" und eine "Wiedergeburt".
Erstes Ziel der Meditation ist es, frei von jeglichen Gedanken,
Wünschen und Erregungen zu sein. Dies ist die Vorstufe zur Erleuchtung. In dieser
Vorstufe werden dem Schüler, wie bereits erwähnt, Fragen, die er nicht beantworten kann
oder aber Aufgaben, die er nicht zu lösen vermag, gestellt. Der Schüler erkennt nun,
daß er die Fragen und Aufgaben nicht mittels des Verstandes beantworten beziehungsweise
lösen kann. Durch diesen Widerspruch, der den Schüler in eine Art Dilemma bringt, wird
eine psychische Spannung erzeugt. Eine psychische Spannung aber zerstört das erste Ziel
der Meditation, also frei von jeglichen Gedanken und Gefühlen zu sein. Erst wenn der
Schüler zum Meister geworden ist, und somit nicht mehr in das Dilemma des Widerspruches
gerät, hat er das Erlebnis der Erleuchtung erfahren; der Schüler - nun Meister - hat den
Zustand der völligen "Ichlosigkeit" erreicht.
In der Kamakura-Zeit nahmen viele Krieger (bushi) an
Zen-Übungen teil. Sie wollten sich dadurch keineswegs vom weltlichen Leben und ihrem
Kriegsberuf trennen. Die Zen-Übung war für sie eine Übung im
"Sterben-Können". Der Schwertkämpfer sagt: "Der nächste Schritt führt
ins Paradies". Der Bogenschütze schaut in sich selbst und trifft das Ziel. Der Maler
führt den Pinsel mit der gleichen nachtwandlerischen Sicherheit.
Was in allen diesen Künsten die Hand führt, ist nicht das denkende
Ich, sondern eine Kraft, die aus der geheimen Mitte des Leibes, dem "Tandem",
dem physikalischen Schwerpunkt des Leibes, strömt. Hier spiegelt sich auch eine
Eigentümlichkeit des Japaners wider: Die Skepsis gegen den bloßen Intellekt; man
verläßt sich lieber auf das sichere Gefühl (kan) und den in langer Übung
erworbenen Handgriff (kotsu).
Dauerndes Üben, verbunden mit völliger Konzentration auf den Vorgang,
führt zu absoluter Sicherheit. Nicht das "Ich" handelt, sondern ein
"Es". Die Reaktionen erfolgen blitzartig, ohne ein "Nachdenken".
Wesentlich ist – wie auch beim Buddhismus – die Konzentration
und die Meditation, die zur Erleuchtung führen soll. Der Übende muß sich von Begierden
und Leidenschaften befreien und sein eigenes "Ich" vergessen.
Taoismus und Konfuzianismus
Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus bilden die drei
Haupt"religionen" bzw. Weltanschauungen Chinas und des "Fernen
Ostens". Doch im Unterschied zum Buddhismus, der zu einer Weltreligion geworden ist,
sind der Taoismus und der Konfuzianismus im wesentlichen auf China und auf die
fernöstlichen Gebiete beschränkt geblieben, in denen sich der Einfluß der chinesischen
Kultur behauptet hat.
Taoismus und Konfuzianismus gelten - wie wir sehen werden - als zwei
divergierende Auslegungen ein und derselben "Religion". Der Konfuzianismus hat
heute weltweit ca. 304 Millionen Anhänger. Taoismus und Konfuzianismus zusammen haben in
den letzten 2000 Jahren das religiöse Leben von nahezu einem Viertel der Weltbevölkerung
beherrscht.
Taoismus
Tao - was ist das?
Um zu verstehen, wie es kam, daß der Taoismus und der Konfuzianismus
einen solch starken und bleibenden Einfluß auf die Bevölkerung Chinas, Japans und Koreas
sowie umliegender Länder ausüben konnten, muß man einiges über den fundamentalen
chinesischen Begriff Tao (dao) wissen. (chin.: tao ó
jap.: tô ð Shin-tô).
Das Wort selbst bedeutet "Weg", "Straße" oder
"Pfad". Im weiteren Sinn kann es auch "Methode", "Prinzip"
oder "Lehre" bedeuten.
Für die Chinesen waren die Harmonie und die Ordnung, die sie im
Universum beobachteten, Manifestationen des Tao - eine Art göttlichen Willens oder
göttlicher Gesetzgebung. Dieses Tao - dieser "Pfad des göttlichen Willens" -
war im Universum vorhanden und lenkte die Welt. Anders ausgedrückt: Statt an einen
Schöpfergott zu glauben, der das Universum beherrscht, glaubten sie an eine Vorsehung,
einen Willen des Himmels oder einfach an den Himmel selbst als die Ursache aller Dinge.
Auf menschliche Angelegenheiten bezogen, dachten die Chinesen, daß das Tao der
natürliche, rechte Weg ist, alles zu tun. Sie glaubten ferner, daß alles und jeder
einzelne seinen bestimmten Platz und seine bestimmte Aufgabe habe. Sie waren überzeugt,
daß das Land Frieden und Wohlstand genießen würde, wenn der Herrscher seine Pflichten
erfülle, indem er das Volk gerecht behandle und die dem Himmel zustehenden Opferriten
durchführen würde. In ähnlicher Weise würde, sofern die Menschen bereit wären, den
Weg des Tao zu entdecken und ihm zu folgen, alles harmonisch, friedlich und erfolgreich
sein. Würden sie ihm aber zuwiderhandeln oder sich ihm widersetzen, so wären Chaos und
Unheil die Folge. Die Idee, sich dem Tao anzugleichen und es in seinem Fluß nicht zu
stören, ist ein zentrales Element des philosophischen und religiösen Denkens der
Chinesen.
Der Taoismus und der Konfuzianismus sind zwei verschiedene
Ausdrucksformen eines Begriffes. Bei beiden steht der Grundgedanke des "Tao",
des "rechten Weges", im Vordergrund. Der Taoismus geht von einer mystischen
Betrachtungsweise aus und befürwortet in seiner ursprünglichen Form Untätigkeit,
Quietismus und Passivität, Abwendung von der Gesellschaft und Rückkehr zur Natur. Seine
Grundidee besteht darin, daß alles gut geht, wenn man die Hände in den Schoß legt,
nichts tut, und der Natur ihren Lauf läßt.
Der Konfuzianismus hingegen bevorzugt eine pragmatische
Betrachtungsweise; er lehrt, daß zur Erhaltung der sozialen Ordnung jeder die ihm
zugedachte Rolle spielen und seine Aufgabe erfüllen muß. Zu diesem Zweck sind alle
menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen kodifiziert, z.B. Herr - Diener, Vater -
Sohn, Gatte - Gattin usw., und für alle sind bestimmte Richtlinien gegeben. Diesen
Richtlinien zu folgen, das ist das Tao.
Dies führt zwangsläufig zu folgenden Fragen: Wie sind die beiden
Systeme entstanden? Von wem wurden sie gegründet?
Der Taoismus
Der Taoismus wird in der Literatur unter verschiedenen Überbegriffen
behandelt: Taoismus als Philosophie, als Religion oder als Weltanschauung. Sein Gründer Laotse
oder Laotzu (chin. Laozi) hatte die Wirren und das Chaos der damaligen Zeit
satt und suchte Erleichterung, indem er sich von der Gesellschaft abwandte und zur Natur
zurückkehrte. Viel ist über diesen Menschen, der im sechsten Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung gelebt haben soll - und selbst das ist ungewiß - nicht bekannt. Er wurde
allgemein Laozi, "alter Meister" oder "Alter", genannt, weil - laut
den Legenden - seine Mutter so lange mit ihm schwanger ging, daß er bei seiner Geburt
bereits weißes Haar hatte. Der einzige offizielle Bericht über Laozi ist in dem Werk Shi
ji (Geschichtliche Aufzeichnungen) von Si-ma Qian, einem namhaften
Reichsgeschichtsschreiber des zweiten und ersten Jahrhunderts v.u.Z., zu finden. Gemäß
dieser Quelle war Laozis richtiger Name Li Er. Er diente als kaiserlicher Archivar in
Luoyang (Zentralchina). Doch von größerer Bedeutung ist, was in diesem Werk weiter über
Laozi gesagt wird:
Laozi verbrachte den
größten Teil seines Lebens in Zhou. Als er den Verfall der Stadt vorhersah, verließ er
sie und kam an die Grenze. Der Grenzwächter Yin-Hi sagte: "Der Herr will sich
zurückziehen, darf ich den Herrn bitten, mir ein Buch zu schreiben." Daraufhin
schrieb Laozi ein Buch in zwei Teilen, das etwas mehr als 5000 Worte enthielt, und in dem
er die Begriffe Dao [Weg] und De [Kraft] behandelte. Dann entfernte er sich. Niemand
weiß, wo er gestorben ist.
Viele Gelehrte bezweifeln zwar diese eher
mythologische Erzählung; das Buch jedoch liegt vor und ist als Daodejing (u.a.
übersetzt "Führung und Kraft aus der Ewigkeit"; "Lehre über die
Tugend") bekannt geworden und gilt als die bedeutendste Schrift des Taoismus. Es ist
in kurzen, schwer verständlichen Versen geschrieben, von denen einige nur drei oder vier
Worte umfassen. Aus diesem Grunde und auch, weil sich die Bedeutung vieler Schriftzeichen
seit der Zeit Laozis beträchtlich geändert hat, wird das Buch sehr unterschiedlich
interpretiert.
Um der Ungerechtigkeit, der Not, der Verwüstung und der Sinnlosigkeit
entgegenzuwirken, die durch die bedrückende Herrschaft des damaligen Feudalsystems
hervorgerufen worden war, suchten die Taoisten Frieden und Harmonie, indem sie zur
Tradition der Alten zurückkehrten, die gelebt hatten, bevor Könige und Minister über
das gewöhnliche Volk herrschten. Das Ideal, nach dem sie strebten, war ein ruhiges,
ländliches, einfaches Leben im Einklang mit der Natur ohne Pomp, ohne Habgier und ohne
Luxus.
Der zweite Weise des Taoismus
Zhuang Zhou (Chuang Chuo), d.h. Meister Zhuang (369-286 v. Chr.), der
als der bedeutendste Nachfolger Laozis gilt, entwickelte dessen Philosophie noch einen
Schritt weiter. In seinem Werk (auch Zhuang Zhou betitelt) erläutert er nicht nur
den Begriff Tao, sondern auch die Begriffe Yin und Yang, die zuerst im Yi-jing
dargelegt wurden. Seiner Ansicht nach ist nichts wirklich unvergänglich oder absolut,
sondern alles befindet sich in einem Zustand des Wechsels zwischen zwei Gegensätzen. Im
Kapitel "Herbstfluten" schrieb er:
Der SINN [das Tao] kennt
nicht Ende noch Anfang, nur für die Einzelwesen gibt es Geburt und Tod. ... Das Dasein
aller Dinge eilt dahin wie ein rennendes Pferd. Keine Bewegung, ohne daß sich etwas
wandelt, keine Zeit, ohne daß sich etwas ändert. Was du da tun sollst, was nicht tun?
Einfach der Wandlung ihren Lauf lassen!
Aufgrund dieser Philosophie der Trägheit
hat es nach taoistischer Ansicht keinen Zweck, irgendwie in das, was die Natur in Gang
gesetzt hat, eingreifen zu wollen. Früher oder später wird alles wieder zu seinem
Gegensatz zurückkehren. Eine Situation mag noch so unerträglich sein, sie wird bald
besser werden. Eine Situation mag noch so angenehm sein, sie wird bald vorübergehen. Ein
typisches Beispiel dieser philosophischen Lebensanschauung ist ein Traum Zhuang Zhous,
durch den er beim einfachen Volk am besten in Erinnerung geblieben ist:
Einst träumte Zhuang Zhou, daß er ein Schmetterling sei, ein
flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von
Zhuang Zhou. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und wahrhaftig Zhuang
Zhou. Nun weiß ich nicht, ob Zhuang Zhou geträumt hat, daß er ein Schmetterling sei,
oder ob der Schmetterling geträumt hat, daß er Zhuang Zhou sei.
Der Einfluß dieser Philosophie ist im Stil
der Dichtkunst und der Malerei chinesischer Künstler späterer Generationen zu erkennen.
Der Taoismus sollte aber nicht lange eine passive Philosophie bleiben. In dem Versuch, mit
der Natur eins zu sein, wurden die Taoisten von der Zeitlosigkeit der Natur und der
Rückkehr aller Dinge zu ihrem Ursprung völlig beherrscht. Sie spekulierten, daß man
vielleicht durch ein Leben im Einklang mit dem Tao der Natur in die Geheimnisse der Natur
vordringen und gegen physischen Schaden, gegen Krankheit, ja sogar gegen den Tod immun
werden könne.
Laozi machte daraus zwar keine Streitfrage, aber gewisse Passagen im
Daodejing scheinen diesen Gedanken nahezulegen.
Zhuang Zhou trug ebenfalls zu solchen Spekulationen bei. In einem
Dialog in dem Werk Zhuang Zhou fragt z.B. ein mystisches Wesen ein anderes:
"Du bist schon hochbetagt, und doch siehst du aus wie ein Kind. Wie kommt das?"
Die Antwort lautet: "Ich habe das Tao erfahren."
Geschichten wie diese beflügelten die Phantasie der Taoisten, und sie
begannen, mit Meditation, Ernährungsregeln und Atemübungen zu experimentieren, durch die
der körperliche Verfall und der Tod angeblich hinausgeschoben werden konnte. Bald kamen
Legenden auf über Unsterbliche, die auf Wolken flogen, und solche, die beliebig
erscheinen und verschwinden konnten, und wieder solche, die unzählige Jahre auf heiligen
Bergen oder fernen Inseln wohnten und vom Tau oder von Zauberfrüchten lebten. Die
chinesische Geschichte berichtet, daß Shi Huang Di, Kaiser der Qin-Dynastie, im Jahre 219
v. Chr. eine Flotte mit 3000 Jungen und Mädchen aussandte, die die legendären Inseln,
den Aufenthaltsort der Seligen, entdecken sollten, um das Unsterblichkeitselixier
zurückzubringen. Laut der Legende sollen es gerade diese 3000 Jungen und Mädchen gewesen
sein, die zwar das Elixier nicht fanden, aber als erste die Inseln Japans bevölkerten.
Während der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) erlebten die magischen Praktiken des
Taoismus eine neue Blüte. Kaiser Wu Di soll von der taoistischen Idee der leiblichen
Unsterblichkeit sehr eingenommen gewesen sein. Er beschäftigte sich mit Hilfe der
Alchimie besonders mit der Erfindung von Unsterblichkeitspillen. Nach taoistischer Ansicht
entsteht Leben durch die Verbindung der gegensätzlichen Kräfte Yin und Yang (weiblich
und männlich). Durch die Verschmelzung von Blei (dunkel oder Yin) und Quecksilber (hell
oder Yang) ahmten die Alchimisten den Naturvorgang nach und glaubten, auf diese Weise eine
Unsterblichkeitspille "brauen" zu können. Die Taoisten entwickelten
yogaähnliche Übungen, Atemtechniken, Ernährungsregeln und sexuelle Praktiken, durch die
die Lebenskraft gestärkt und das Leben verlängert werden sollte. Zu ihren Utensilien
gehörten Zauberamulette, von denen gesagt wurde, sie würden ihren Besitzer für Waffen
unsichtbar machen und ihm Unverletzbarkeit verleihen oder ihn befähigen, auf dem Wasser
zu gehen oder durch das Weltall zu fliegen. Sie hatten auch magische Siegel, die
gewöhnlich mit dem Yin-Yang-Symbol versehen waren und die an Gebäuden und über
Toreingängen angebracht wurden, um böse Geister und wilde Tiere abzuwehren. Ungefähr im
zweiten Jahrhundert wurde der Taoismus organisiert. Ein gewisser Chang Tao-ling, der
magische Heilungen vollbrachte und sich mit Alchimie befaßte, gründete einen Geheimbund
in Westchina. Da von jedem Mitglied eine Aufnahmegebühr von fünf Scheffel Reis erhoben
wurde, erhielt seine Bewegung den Namen "Fünf-Scheffel-Reis-Bewegung" (wu-dou-mi
dao). Zhang, der behauptete, von Laozi persönlich eine Offenbarung erhalten zu haben,
wurde der erste Himmelsmeister. Schließlich soll er es fertiggebracht haben, das
Lebenselixier herzustellen, und er soll, auf einem Tiger reitend, vom Berg Long-Hu
(Drachen-Tiger-Berg) in der Provinz Jiangsi lebendig in den Himmel aufgefahren sein. Mit
Zhang Dao-ling begann eine Jahrhunderte andauernde Folge taoistischer Himmelsmeister, von
denen jeder einzelne eine Reinkarnation Zhangs gewesen sein soll.
Als der Buddhismus von Indien her in das religiöse Leben Chinas
eindrang, berief sich der Taoismus darauf, eine Religion chinesischen Ursprungs zu sein.
Laozi wurde zum Gott erhoben, und die taoistischen Schriften wurden kanonisiert. Tempel
sowie Mönchs- und Nonnenklöster wurden gebaut, und es wurden Orden gegründet. Außerdem
nahm der Taoismus viele Götter, Göttinnen, Feen und Unsterbliche aus der chinesischen
Folklore in sein Pantheon auf. Das Ergebnis war eine Mischung aus buddhistischen
Elementen, abergläubischen Traditionen und Ahnenverehrung.
Mit der Zeit sank der Taoismus allmählich zu einem System des
Aberglaubens herab. Jeder Mensch verehrte in den Ortstempeln seine Lieblingsgötter und
-göttinnen, betete zu ihnen um Schutz vor Bösem und um Hilfe beim Erlangen irdischen
Glücks. Gegen Bezahlung hielten die Priester Begräbnisfeierlichkeiten ab, suchten
günstige Grundstücke für Gräber, Häuser und Geschäfte aus, verkehrten mit den Toten,
vertrieben böse Geister und Gespenster, hatten ihre Feste und führten verschiedene
Rituale durch.
Konfuzianismus
Nun haben wir die Spuren des Ursprungs, die Entwicklung und den Verfall
des Taoismus verfolgt. Vergessen wir jedoch nicht, daß dies nur eine der hundert Schulen
des Taoismus war, die in der Zeit der "Streitenden Reiche" in China florierten.
Eine andere Schule, die schließlich in den Vordergrund trat, war der Konfuzianismus. Doch
wieso gelangte der Konfuzianismus zu solcher Bedeutung?
Von allen chinesischen Weisen ist Konfuzius zweifellos der bekannteste
außerhalb Chinas. Doch wer war Konfuzius, und was lehrte er?
Um Näheres über ihn zu erfahren, wenden wir uns wiederum dem Werk Shi-Ji
(Geschichtliche Aufzeichnungen) von Si-ma Qian zu. Im Unterschied zu der kurzen Abhandlung
über Laozi enthält es eine ausführliche Lebensbeschreibung des Konfuzius.
Konfuzius wurde in Zhou, einer kleinen Provinzstadt der Grafschaft
Qiangping im Staat Lu, geboren. Seine Mutter betete auf dem Berg Ni Qiu und empfing
daraufhin Konfuzius im 22ten Jahr des Grafen Xiang von Lu (551 v. Chr.). Bei seiner Geburt
war auf seinem Kopf eine auffallende Erhebung, weshalb man ihn Qiu (Hügel) nannte. Sein
Beiname war Zhong-ni und sein Familienname Kong. [Das Wort Konfuzius ist die latinisierte
Form des chin. Kong Fu Zi = Meister Kong. Jesuitenpriester, die im 16. Jahrhundert nach
China kamen, prägten den latinisierten Namen, als sie dem Papst von Rom empfahlen,
Konfuzius zu einem Heiligen der römisch-katholischen Kirche zu erklären.]
Kurz nach seiner Geburt starb sein Vater, aber seine Mutter ließ ihm,
obwohl sie arm war, eine gute Ausbildung zukommen. Der Junge entwickelte ein großes
Interesse an Geschichte, Dichtung und Musik. Gemäß den Analekten, einem der vier
konfuzianischen "Vier Büchern", widmete er sich schon mit 15 Jahren
wissenschaftlichen Studien. Als 17jähriger erhielt er eine bescheidene Verwalterstelle
bei der Regierung seines Heimatstaates Lu. Seine finanzielle Lage verbesserte sich
anscheinend so sehr, daß er mit 19 Jahren heiraten konnte, und im darauffolgenden Jahr
bekam er einen Sohn. Als Konfuzius Mitte 20 war, starb seine Mutter. Das traf ihn
offensichtlich sehr. Da er sich peinlich genau an die alten Traditionen hielt, zog er sich
aus dem öffentlichen Leben zurück und trauerte 27 Monate um seine Mutter an ihrem Grab.
Auf diese Weise gab er den Chinesen ein klassisches Beispiel der Sohnesliebe. Danach
verließ er seine Familie und begann, sich als Wanderlehrer zu betätigen. Er lehrte unter
anderem Musik, Poesie, Literatur, Staatsbürgerkunde, Ethik sowie die Naturwissenschaften,
sofern man sie so nennen darf. Er muß einen hohen Bekanntheitsgrad gehabt haben, denn die
Zahl seiner Schüler wird mit 3000 angegeben. In China wird Konfuzius hauptsächlich als
Meisterlehrer verehrt. In einer Inschrift auf der Gedenktafel seines Grabes in Qüfu
(Provinz Shandung) wird er schlicht und einfach "alter, allerheiligster Lehrer"
genannt. Seine Lehrmethode war äußerst einfach: Er wanderte von Ort zu Ort, begleitet
von denen, die sich seine Lebensanschauung zu eigen gemacht hatten. Unternahmen sie eine
größere Reise, so fuhr er mit einem Ochsenkarren. Der langsame Schritt seines Tieres
ermöglichte es seinen Schülern, zu Fuß zu folgen, und offensichtlich gaben die
Ereignisse, die sich unterwegs abspielten, häufig Anlaß zu den Themen seiner Vorträge.
Was Konfuzius zu einem besonders geschätzten Lehrer werden ließ, war der Eifer, mit dem
er sich selbst dem Studium widmete, besonders dem Studium der Geschichte und der Ethik.
Zudem war er der einzige, der seinen Gefolgsleuten überhaupt etwas zu lehren hatte, auch
wenn es sich "nur" um historisches Wissen handelte. Die anderen taoistischen
Schulen hatten nichts anderes als ihre Interpretation des richtigen Tao zu bieten.
Trotz seines Erfolges als Lehrer betrachtete Konfuzius die
Lehrtätigkeit nicht als seine Lebensaufgabe. Er glaubte, seine ethischen und moralischen
Vorstellungen könnten die damalig unruhige Welt nur dann retten, wenn die Regierenden sie
in die Tat umsetzten, indem sie ihn oder seine Schüler in ihrer Regierung beschäftigten.
Deshalb verließ er mit einer kleinen Schar seiner engsten "Jünger" seine
Heimatstadt Lu und zog von Staat zu Staat in dem Bemühen, den weisen Herrscher zu finden,
der seine Ideen von Regierung und Gesellschaftsordnung annehmen würde. Aber: Das Shi-Ji
schreibt: Schließlich verließ er Lu, wurde in Qi im Stich gelassen, aus Song und Wei
wurde er vertrieben, und unterwegs von Chen nach Zai war er Entbehrungen ausgesetzt. Nach
14jähriger Wanderschaft kehrte er enttäuscht, aber nicht gebrochen nach Lu zurück. Die
restlichen Tage seines Lebens widmete er sich seinen literarischen Arbeiten und dem
Lehren.
Konfuzius Vier Bücher:
1. Große Lehre (Da-Xue)
die Grundlage für die
Erziehung eines Edlen, das erste von den Schülern im alten China benutzte Lehrbuch
2. Rechte Mitte (Zhong-yong)
Abhandlung über die
Bildung des menschlichen Charakters des Maßhaltens
3. Analekten (Lun-yü)
eine Sammlung von
Aussprüchen des Konfuzius, die Hauptquelle konfuzianischen Gedankengutes
4. Mencius (Meng Zi)
Schriften und Aussprüche
Meng Zis (Mencius), des bedeutendsten Schülers des Konfuzius
Die Fünf Klassiker:
1. Buch der Lieder (Shi-Jing)
305 Gedichte, die ein Bild
des täglichen Lebens zu Beginn der Zhou-Dynastie vermitteln (1000-600 v. Chr.)
2. Buch der Geschichten (Shu-Jing)
behandelt siebzehn
Jahrhunderte chinesischer Geschichte, beginnend mit der Shang-Dynastie (1766-1122 v. Chr.)
3. Buch der Wandlungen (I-Jing)
ein
"Wahrsagebuch", das auf Interpretationen der 64 möglichen Kombinationen von
sechs vollständigen oder unvollständigen Zeilen zurückgeht
4. Buch der Sitte (Li-Ji)
eine Sammlung von Regeln
der Zeremonien und Riten
5. Frühlings- und Herbst-Annalen (Chun-Qiu)
eine Chronik des Staates
Lu, der Heimat Konfuzius, die die Zeit von 721-478 v. Chr. umfaßt
Im Jahre 479 v. Chr. starb Konfuzius
schließlich im Alter von 73 Jahren.
Der Kern der konfuzianischen Ideen:
Konfuzius war ein hervorragender Gelehrter und Lehrer, doch sein
Einfluß beschränkte sich keineswegs auf die Gelehrtenkreise. Er war nicht nur darauf
bedacht, Verhaltens- und Sittenregeln zu lehren, sondern er wollte auch den Frieden und
die Ordnung der damals durch die ständigen Kriege der Feudalherren völlig zerrissenen
Gesellschaft wiederherstellen. Um dieses Ziel zu erreichen, lehrte Konfuzius, daß
jedermann, vom Kaiser bis zum Mann auf der Straße, lernen müsse, die ihm zugedachte
Rolle in der Gesellschaft zu spielen und entsprechend zu leben.
Im Konfuzianismus ist diese Vorstellung als li bekannt,
und man versteht darunter Anstand, Höflichkeit, Ordnung und im erweiterten Sinn Riten und
Zeremonien sowie Ehrerbietung. Als Antwort auf die Frage: "Was ist dieses große li"?,
gab Konfuzius folgende Erklärung:
Von allem, wonach die
Menschen leben, ist li das größte. Ohne li wissen wir nicht, wie wir die
Geister des Universums gebührend verehren, Könige und Minister, Regierende und Regierte
sowie Alte und Junge richtig einstufen sollen oder wie wir die moralischen Beziehungen
zwischen den Geschlechtern, zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Brüdern festlegen
oder die verschiedenen Verwandtschaftsgrade unterscheiden sollen. Aus diesem Grund hält
ein Edler li so hoch in Ehren.
Li ist daher das rechte Verhalten,
das ein Edler in all seinen gesellschaftlichen Beziehungen bekundet. Wenn jeder seinem
Stand entsprechend lebt, wird alles Leben positiv verlaufen - und zwar in der Familie, im
Staat und in der Welt. Dies bezeichnet Konfuzius als im Einklang mit dem Tao handeln. Doch
wie äußert sich li? Das bringt uns zu einem anderen Zentralbegriff des
Konfuzianismus - ren: Menschlichkeit oder Menschengröße.
Nach der konfuzianischen Vorstellung ist die menschliche Natur
grundlegend gut. Folglich könnten alle sozialen Mißstände durch Selbsterziehung
beseitigt werden, und damit beginnt man durch Aneignung von Bildung und Wissen.
Im Hauptkapitel des Da-Xue ("Große Lehre") heißt es:
Wenn wir die Erkenntnis höchsten Grades erreicht haben, dann sind
unsere Intentionen (innerste Gedanken) wahr und lauter. Wenn das Herz bieder und
rechtschaffen ist, dann wird man sich selbst, sein ganzes Ich vervollkommnen und veredeln.
Wer sich selbst vervollkommnet und veredelt hat, der wird dann auch seiner Familie
vollendete Harmonie zu geben wissen. Wer seiner Familie vollkommene Harmonie zu geben
versteht, der wird dann auch eine weise Regierung in seinem Lande führen. Wenn eine weise
Regierung im Lande geführt wird, so wird dann auch im Weltenreich der ewige Frieden
herrschen. ... Vom Kaiser bis hinab zum geringsten Untertan ist aber das Vervollkommnen
seines Selbst das für alle Gemeinsame und darum die wesentliche Grundlage bildende
Erfordernis.
Wir sehen also, daß das Beachten des li die Menschen befähigt,
sich in jeder Situation richtig zu verhalten, und die Pflege des ren bewirken wird,
daß sie zu allen anderen gut sind. Das Ergebnis ist dann Frieden und Harmonie in der
Gesellschaft. Das erklärt zum Teil, warum die meisten Ostasiaten so große Bedeutung auf
die Familienbande legen, sowie auf Fleiß, Bildung und darauf, daß jeder einzelne seinen
Platz kennt und entsprechend handelt. Nur wenn jeder richtig handelt, kann es Frieden
geben. Daher die Bedeutsamkeit eines jeden Menschen.
Literatur: Dtv-Klassiker. Die Weisheitslehren des Ostens. 1991.
3 Bde. München. |