Tantra ist eine religiöse indische Strömung, die etwa seit dem Jahre 500 n. Chr. den Buddhismus und Hinduismus beeinflusste. Nach der Lehre der Tantra weist die Wirklichkeit zwei polare Aspekte auf: Geist und Natur, aktives weibliches und passives männliches Prinzip, oft auch Shiva und Shakti genannt, auf. Fußend auf dem Glauben an die Übereinstimmung von Makrokosmos (Universum) und Mikrokosmos (Mensch), ist das Ziel des Heilweges die Realisierung der ursprünglichen Einheit als Selbstverwirklichung oder Erlangung des kosmischen Bewusstseins. Als Mittel hierzu dienen esoterische Riten, Yoga-Übungen, die Betrachtung heiliger Formen (Götter, Mandalas, Yantras), die Rezitation heiliger Silben (Mantra) und im sogenannten "linkshändigen Tantra" auch der rituelle Genuss von Wein, Fleisch, Fisch, Getreidekörner und Geschlechtsverkehr.
Philosophie
Tantra ist das Land der Unmittelbarkeit und des Lächelns. Eine achtsame Berührung, ein zarter Duft, eine kraftvolle Bewegung - und Stille, aus der die Verbindung von Herz, Sex und Geist erfahrbar werden kann.
Die Philosophie des Tantra nahm ihren Ursprung vor tausenden von Jahren in Asien.
Tantra sieht das Männliche und Weibliche als zwei Pole an, die im innersten Wesen jedes Menschen danach streben, in Balance zu sein. Symbolisiert wird dies in der Umarmung von Gott Shiva und Göttin Shakti. Ihre Verschmelzung ist vollkommene Glückseligkeit - Hingabe und Eins-Sein mit allem.
Der "göttliche Funke" und alles erdenkliche Potential des Lebens sind in uns, in unserem Körper bereits angelegt. In der tantrischen Tradition wird der Körper darum als ein Tempel geehrt. Er ist wonnevoll und sinnlich, steter Gefährte und Quelle der Lebensfreude.
Liebe, Sexualität und Partnerschaft sind zentrale Themen im Leben. Tantra lehrt uns die verschiedenen Aspekte des Frau-Seins und Mann-Seins zu erkennen, anzunehmen und für uns selbst und andere mit Herz und Sinn zu nutzen.
Tantra ist einfach und direkt. Es ermutigt dich lustvoll und ehrlich und voll Vertrauen zu leben.
Ziel des Tantra
Tantra ist die Lehre von der
Entfaltung der Liebe im Menschen. Damit ist die Liebe in all
ihren wunderbaren Facetten gemeint - die erotische Liebe, das
herzoffene Mitfühlen, die ganzheitliche Liebe, die sich auf
alle Lebewesen des Kosmos erstreckt; die Liebe in all ihren
schillernden Zwischentönen, mit denen sie unsere Existenz wie
ein schöner Regenbogen überspannen kann.
Typisch tantrisch
Tantra ist keine Religion im
althergebrachten Sinne. Es gibt im Tantra keine Entsagung,
keine Abwertung des Weltlichen, keine Diskriminierung der
Frau, keinen Katalog von Bestrafungsandrohungen und keine
Forderung zur Unterwerfung unter eine bestimmte
Gottesvorstellung. Tantra bejaht das Leben, vergöttert das
Weibliche und erklärt den Körper zur verehrungswürdigen
Inkarnation des Göttlichen. Die Sexualität gilt im Tantra als
heilige, heile und einende Kraft.
Bodenständige Spiritualität
Das Göttliche ist nach
tantrischer Vorstellung überall sichtbar, fühlbar, hörbar,
riechbar inkarniert. Es ist nicht außerhalb von uns und wohnt
nicht über den Wolken. "Hier in deinem Körper sind die
Heiligen Flüsse." (Saraha Tantra)
Die tantrischen Übungen befähigen dazu, das Göttliche
in jedem Leben um einen herum und in dem Leben in sich selbst
wahrzunehmen. Tantra nimmt den Begriff "Religio" wörtlich.
Religio = Verbindung mit dem göttlichen Ursprung.
Männliches und Weibliches vereinen
Um die scheinbaren
Gegensätze des Männlichen und des Weiblichen wieder zusammen
zu bringen, hat Tantra eine Vielzahl von Techniken, Ritualen
und Meditationen entwickelt. Darin kehrt die Seele
vorübergehend zur Ur-Einheit zurück, wo männlich und weiblich
nicht getrennt sind. In der Ur-Einheit erlebt die Seele tiefen
Frieden, Glückseeligkeit und Nirwana. Sie erholt sich vom
Schmerz der Spaltung in Mann und Frau. Jedoch: Es ist nicht
die Inkarnation in menschlicher Form, die an dieser Spaltung
Schuld ist. Schuld ist jene Konditionierung, die beide
Geschlechter zwingt, ihre jeweils andere Hälfte in ihrem
Inneren zu vernachlässigen oder abzulehnen. Der Mann, der
seine weibliche Seite ablehnt, versucht das Weibliche im Außen
von der äußeren Frau zu bekommen. Die Frau verfährt mit dem
Mann in gleicher Weise.
Aber das bedeutet Konflikt und Krieg. Denn die Frau will
nicht nur auf ihre eine Hälfte reduziert werden; der Mann will
nicht nur auf eine Hälfte reduziert werden. Niemand will nur
ein halber Mensch sein. Frauen und Männer sehnen sich
gleichermaßen nach Ganzheit.
Der Körper
Tantra sagt, dass auf dem Weg der
menschlichen Vervollkommnung der Körper zurückgewonnen werden
muss. Der Körper ist zwar nicht alles, aber ohne den Körper
ist alles nichts - zumindest hier auf der Erde. Der
Körper wird nur dann zum Hindernis auf dem Weg der
Gotteserkenntnis, wenn man ihn bekämpft und Heiliges und
Körper in "gut" und "schlecht" spaltet. Wenn Tantra sagt "Du
bist der Körper", ist nicht damit gemeint, dass der Körper nur
unbeseelte Materie ist. Das Göttliche hat sich körperlich auf
diesem Planeten inkarniert, um das Leben in körperlicher Form
zu erfahren. Mit Höhen und Tiefen, Wonne und Schmerz, Liebe
und Alleinsein, Gesundheit und Krankheit, Vollkommenheit und
Unvollkommenheit, Geburt und Tod.
"Du bist der Körper" ist ein Versuch, der Einheit von Gott
und Mensch/Materie Ausdruck zu verleihen. Zu sagen "Du hast
einen Körper" statt "Du bist der Körper" führt bereits eine
Spaltung ein - als wäre der Körper nicht göttlich.
Sinnlichkeit
Tantra ist sinnlich. Tasten, Riechen,
Schmecken, Hören, Sehen werden vom Tantra kultiviert und
zelebriert. Schöne Düfte, Musik, Tanz, kulinarische
Köstlichkeiten, sinnliche Massagen, Malerei, Schmuck et cetera
sind nach dem Geschmack von Tantra.
Wenn Sinnlichkeit nicht
sein sollte, hätten wir vom Göttlichen gar keinen sinnlichen
Körper bei der Geburt erhalten.
Tantra betrachtet es darum als
göttlichen Willen, dass wir unsere Sinne gebrauchen,
verfeinern und in höchster Form genießen. Ein tantrischer
Ur-Text sagt sogar:
"Wer allen Sinnengenüssen dient, erlangt die
Buddhaschaft." (Guhyasamaja Tantra)
Die Sinne gelegentlich jeglicher Reizung zu entziehen, ist
für Tantra kein Widerspruch. "Kurzzeitaskese" - ein yogisches
Element im Tantra - ist eine wohltuende "Atempause" und
erneuert und erfrischt das sinnliche Empfindungsvermögen.
Angesichts der abstumpfenden Reizüberflutung der modernen Welt
lehrt das Tantra Achtsamkeits-Übungen und Meditation.
Übung
Tantra vereinigt die beiden Aspekte von Lust und
Disziplin zu einem für jeden Menschen beschreitbaren
Übungsweg. Im Laufe seiner zweitausendjährigen Entwicklung hat
Tantra eine reichhaltige Vielfalt von Techniken, Ritualen und
Meditationen hervorgebracht. Dazu gehört auch Yoga.
Yoga ist ein Weg der Disziplin. Er stützt sich auf genaue
Anweisungen zur Ausbildung körperlicher, sinnlicher und
übersinnlicher Kräfte. Das ermöglicht dem Übenden ein
schrittweises und ungefährliches Voranschreiten ohne
Überforderung. Auf dem sicheren Boden der Disziplin entfaltet
sich das Spielerische und Ungezwungene zu höchster Lust und
Ekstase. Spontaneität, Humor und Spaß bekommen dabei eine
besondere Qualität.
Einheit des Lebens
Tantra ist eine Advaita-Lehre (Lehre von der Nicht-Dualität). Das Leben
scheint Gegensätze hervorzubringen:
- Shiva - Shakti
- Mond - Sonne
- Schwarz - Weiß
- Nacht - Tag
- Nord - Süd
- Kalt - Warm
- Einatmen - Ausatmen
- Körper - Bewußtsein
- Materie - Geist
- Unten - Oben
- Yoni - Lingam (Scheide - Penis)
- Frau - Mann
- Mensch - Gott
Aber hinter diesen Gegensätzen
existiert nur das Eine: Göttlichkeit. Darum gibt es auch für
die Tantriker nichts Schlechtes oder Falsches, von dem sie
sich absondern müssten. Es gibt keine Moralbücher, zehn Gebote
oder Propheten.
Das Leben selbst ist der Meister. Unterdrückung und Kampf
haben im Tantra keinen Stellenwert. Denn Tantra sieht nichts
Schmutziges, Verkehrtes oder Verwerfliches in dieser Existenz.
Das Herz des Tantrikers ist so weit, dass alles darin Platz
findet. Es ist ein Gefäß, das die gesamte Schöpfung aufnimmt.
Der Geist des Tantra ist also höchste Verehrung allen
Lebens - egal ob es sich schwarz oder weiß, schön oder
hässlich, jung oder alt, wonnevoll oder schmerzlich
manifestiert. Tantra lehrt, sich hinzugeben und mitzufließen,
ohne Widerstand zu leisten. Das ist der Weg zur Ekstase - zur
höchsten Glückseligkeit. Anders ausgedrückt: "Mahamudra ruht
auf Nichts, ohne jede Anstrengung." (Tilopa, Meister des
tibetischen Tantra)
Tantra ist aber nicht naiv. Es erkennt an, dass es auch
andere Lebensäußerungen gibt, so etwa zerstörerische Aspekte
wie Wut oder Zorn, die ebenfalls Teil der göttlichen Energie
sind. Da wo Unterdrückung stattfindet, ist es gerecht, zu
kämpfen. Da, wo ein schwaches Wesen misshandelt wird, darf Wut
auflodern. Dafür stehen im Tantra etwa der schwertschwingende
Buddha Manjushri und die zornige Göttin Kali.
Herkunft und Entwicklung in der Moderne
Tantra hat
seinen Ursprung im frühen Indien und blühte erstmalig voll in
der Indus-Hochzivilisation auf. Schon damals war sie auch eng
mit Yoga verwoben. Im indischen Mittelalter entwickelte sich
erneut eine Tantra-Kultur, die mit zahlreichen Tempeln,
Schulen, Kunstakademien und Kommunen ein bedeutsames
Gegengewicht gegen die immer patriachaleren indischen
Mehrheitsgesellschaft bildete. Aber dieses Gewicht war nicht
stark genug, sodass Tantra unter dem Einfluss der
Hindu-Orthodoxie erneut verschwand, aber dennoch überlebte. In
kleinen spirituellen Gruppen und von Einzelpersonen wurden und
werden die überlieferten Traditionen bis heute gehütet und
zelebriert.
In den Westen gelangte Tantra erstmals im
20. Jahrhundert durch spirituell aufgeschlossene Gelehrte -
wie Arthur Avalon beziehungsweise John Woodrove, dem Autor des
Kundalini-Buches "Die Schlangenkraft" - die Tibet und den
indischen Subkontinent bereisten und in das tantrische Wissen
eingeweiht wurden.
Aber vor allem wurde Tantra bei uns natürlich durch Osho
(Baghwan Rashneesh) bekannt. Dessen "Buch der Geheimnisse", "Die Tantrische Transformation" und
"Mahamudra – Die Höchste Einsicht" sind heute die wichtigsten
Klassiker der Tantra-Literatur in Europa.
Oshos Schülerin Margo Anand begann in den siebziger Jahren,
Tantra mit großem Erfolg auch in Seminargruppen zu
unterrichten. Sie löste einen wahren Boom aus, dessen Ausdruck
eine heute große und bunte Landschaft neuer Tantra-Schulen
ist, die sich über ganz Europa und den nordamerikanischen
Kontinent verbreitet haben.
Die drei Nadis (Energiekanäle)
Es gibt laut dem Tantra drei Hauptenergiekanäle in uns, durch die subtile Energie fließt.
Dem Ida Nadi und Pingala Nadi werden wichtige Funktionen des sympathischen Nervensystems zugeschrieben,
während der Sushumna Nadi über die Chakren die Funktionen der Organe kontrolliert
(größtenteils Funktionen des parasympathischen Nervensystems).
Ida Nadi
Der linke Kanal steuert unsere Psyche, unsere Wünsche, Emotionen, Konditionierungen und die Vergangenheit.
Seine Aufgabe ist es, uns von Gefahren zu schützen.
Pingala Nadi
Der rechte Kanal steuert unseren Körper, unsere Gedanken, Taten, Pläne und die Zukunft.
Er ist verantwortlich für unser Überleben.
Sushumna Nadi
Der mittlere Kanal steuert als geistiger Kanal autonome Funktionen wie z.B. die Atmung und den Herzschlag.
Er dient als Kanal für die Kundalini und ist verantwortlich für unsere Evolution.
Die Alchemie des Bewußtseins
Nach tantrischer Auffassung identifiziert sich das menschliche Bewußtsein mit der Materie. Das Energiezentrum jenes schlafenden Bewußtseins befindet sich an der Basis der Wirbelsäule. Durch das Wissen und die Methoden des Tantrismus soll das subtile Zentrum des Bewußtseinsschwerpunktes im Körper immer höher angehoben werden, von Chakra zu Chakra, bis es sich seines göttlichen Ursprunges bewußt wird.
Die sieben Chakren (Energiezentren)
Svadistan-Chakra: das Todes-Rad
Ein merkwürdiger Name,
der zugleich "Sitz des Selbst" bedeutet. Svadistan bedeutet
der Ort, wo du wirklich existierst. Der Körper nach tantrischer Auffassungwird
aus dem ersten Zentrum - muladhar - geboren. Wenn du stirbst,
verschwindet er. Aber du? Du - dein Selbst - verschwindet
nicht. Wenn ein Mensch stirbt, wird seine gesamte psychische
Energie aus dem Svadistan-Chakra freigesetzt. Der Tod tritt
ein, aber niemand stirbt. Der Körper wird wieder zu Erde und
gibt das Selbst frei. Das Selbst - die Seele - ist todlos. Die
Tantriker haben das Selbst gründlich erforscht. Sie haben es
Svadistan genannt - den Tod - , denn wenn du stirbst, weißt
du, wer du bist.
Stirb in der Liebe, in der Meditation, im Orgasmus, im
Ritual, im Anblick des Sonnenuntergangs und du erfährst, wer
du bist. Das Thema Tod wird häufig gemieden. Es ruft große
Angst hervor. Man versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Dadurch
verkrampft dieses Chakra und die Energie bleibt stecken. Nur
die Akzeptanz des Todes kann es entspannen. Im Moment der
Entspannung fließt die Energie in das nächste Zentrum weiter.
Manipura-Chakra: das Gefühls-Rad
Manipura bedeutet
auch der Diamant. Unsere Gefühle sind Diamanten, die das Leben
reich machen. Darum wird im Tantra viel an diesem Zentrum
gearbeitet. Tantra will unseren ganzen Gefühlsreichtum
erschließen. Die Schönheit des Lachens, die Schönheit der
Tränen, die Schönheit ehrlicher Wut, die Schönheit eines
strahlenden Gesichtes können aussagekräftiger als tausend
Worte sein. Ein kleines ehrliches Lachen, und du brauchst
nichts weiter zu sagen. Eine Träne, und nichts muss mehr
hinzugefügt werden. Ein Aufschrei, und kein Wort könnte besser
verdeutlichen, was mit dir ist.
Wir haben gelernt, unseren Gefühlsausdruck zu drosseln -
nicht gefühlvoll zu sein, weil sich Gefühle nicht auszahlen.
Wenn du lachst, hat niemand Angst vor dir. Wenn du weinst,
wirst du für schwach gehalten. Uns wurde anerzogen, dass wir
uns gegen die anderen durchzusetzen haben - mit
Angst-Einflößen, mit Härte.
Eine wesentliche Bedeutung besitzt dieses Zentrum im taoistischen Yoga,
der nicht mit Chakras arbeitet. Es ist hier der Feuerkessel des Herzens (Herz als Sitz der Emotionen und Gefühle)
Teilweise entspricht dies dem Anahata Chakra, teilweise jedoch auch dem Manipura Chakra.
Eindeutig ist jedoch die Rolle des "Dreifachen Erwärmers" in der Akkupunktur und im taoistischen Yoga.
Dieser liegt drei Fingerbreiten unterhalb des Nabels.
Das Manipura Chakra ist deshalb von so zentraler Bedeutung,
weil es dem Element Feuer entspricht (bzw. im Taoismus ein sehr wichtiger Energiepunkt ist).
Sämtliche Kundaliniübungen - und diese haben ja die Aufgabe die Chakras zu beleben und zu aktivieren,
beginnen mit Hitze, Hitzeimaginationen, Muskelarbeit, welche physische Wärme an relevanten Stellen erzeugen soll,
Atemübungen, welche ebenfalls Energien und Hitze erzeugen sollen.
Anahata-Chakra: das Herz-Rad
Das Herz ist die Brücke
zwischen den drei unteren und den drei oberen Zentren. Es
verleiht allen Qualitäten den Herzensaspekt, wenn es entfaltet
wird. Ohne den Herzensaspekt der Liebe ist die Sexualität
stumpf, und auch die Spiritualität ist stumpf.
Das
Anahata-Chakra ist von großer Bedeutung. Denn durch das Herz
ist der Mensch am Anfang mit seiner Mutter verbunden. Die
Liebe der Mutter ist bedingungslos und versorgt das Kind wie
Nahrung.
Diese Art von Liebe versuchen auch die Gurus die Menschen
zu lehren. Es ist nicht die begrenzte Liebe, die kaum mehr ist
als Sympathie, Begehren und Zuneigung. Das sind egobezogene
Aspekte der Liebe, die durchaus zu uns gehören und auch gelebt
werden sollten. Aber die Energie im Herz-Chakra ist mehr die
mütterliche Form von Liebesenergie.
Hingebungsvoll,
verständnisvoll, verzeihend, vertrauend. Sie bringt einen kaum
hörbaren, göttlichen Ton hervor: OM. Er lässt sich
entdecken, wenn du sehr aufmerksam in deinem Inneren auf ihn
lauschst. Bhakti-Yoga ist der Weg des Herzens. Mantra-Singen,
Zärtlichkeit, Andacht und Meditation öffnen die Blüte des
Herzens wie einen Lotos.
Tantra sagt:
"In der Brahma-Burg des Leibes ist ein
kleiner, juwelhafter Raum... eine zarte Lotosblüte - das Herz.
In ihm kommen Himmel und Erde zusammen." (brahma-upanishad)
Visuddhi-Chakra: das Stimm-Rad
Das Vishuddha Chakra wird mit dem magischen Wort, dem Mantra in Verbindung gebracht.
Als 5. Chakra steht es für das Element Äther (Akasha).
Das Vishuddha Chakra liegt in der Halsgegend (Laryngeal- und Pharyngealplexus,
an der Verbindung des Rückgrats mit dem verlängerten Mark),
Sitz des Atems udana und des bindu.
Symbolik: Ein sechzehnblättriger Lotus von der Farbe roter Asche.
In dem Lotus ein blauer Raum als Symbol des Elements akas‘a (Äther, Raum) mit einem weißen Kreis in der Mitte,
der einen Elefanten umschließt. Auf dem Elefanten ruht das bija- mantra h (hang)
und trägt Sadashiva halb aus Silber, halb aus Gold,
denn der Gott ist unter seinem androgynen Aspekt (ardhanarisvara) dargestellt.
Auf einem Stier sitzend trägt er in seinen vielen Händen eine Menge von Gegenständen und Emblemen,
die ihm eigen sind (vajra, Dreizack, Glocke usw.).
Die Hälfte seines Körpers bildet die Sada-Gauri mit zehn Armen und fünf Gesichtern
(davon jedes mit drei Augen).
Das vis‘uddha cakra steht in Verbindung mit der Farbe Weiß, dem Äther (akasha),
dem Klang, der Haut usw.
Dieses Chakra blüht
erst richtig auf, wenn Liebe eingetreten ist, wenn die Energie
vorher das Herz-Chakra passiert hat. Dann sind deine Worte
voller Süße, dann schwingt in ihnen etwas Erhebendes. Dann ist
alles, was du sagst, absolute Musik und Harmonie. Tantrische
Übungen wie Mantra-Singen führen durch das Herz-Chakra zum
fünften Zentrum hindurch. Sprichst du aus der Liebe heraus,
ist es tantrisch - andernfalls nicht. Andernfalls ist
Schweigen besser. Aber viele sprechen trotzdem und es kommt
nur hässliches Zeug dabei heraus. Sie verwandeln das Wort in
ein Mittel der Manipulation und Machtgewinnung. Das ist nicht
die tantrische Zielsetzung. Wenn der Weg abgekürzt und das
Herz-Chakra umgangen wird, wird die Energie im Visuddhi-Chakra
einseitig und egoistisch.
Ajna-Chakra: das Dritte Auge
Das Ajna Chakra (sechstes Chakra) liegt zwischen den Augenbrauen und hat in den indischen Darstellungen zwei Blütenblätter,
wobei eine Hälfte rosarot mit goldgelben Einschlag ist und die zweite Hälfte lila-blau.
Das Ajna Chakra hat ein Gegenchakra im verlängerten Rückenmark:

7.) Ajna Chakra, 8.) Chakra "Verlängertes Rückenmark"
Die Bedeutung von Ajna Chakra und Ch. Verlängertes Rückenmark,
nach P. Yogananda in "Wiss. Heil-Meditationen":
Bei Heilmeditationen, in denen man Willenskraft anwendet,
soll man die Aufmerksamkeit auf die Stelle zwischen den Augenbrauen richten;
bei Heilmeditationen, in denen man mit gedanklichen Vorstellungen arbeitet,
auf das verlängerte Rückenmark; und bei Heilmeditationen,
in denen man seine Hingabe erweckt auf das Anahata.
Mit der Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit ganz von selbst auf diese Zentren.
Das verlängerte Mark und die Stelle zwischen den Augenbrauen
sind in Wirklichkeit der positive und der negative Pol ein und desselben Zentrums,
in welchem die intelligenzbegabte Lebenskraft regiert.
Zuzeiten wies Paramhamsaji seine Schüler an,
sich auf die Stelle zwischen den Augenbrauen zu konzentrieren und zu anderen Zeiten auf das verlängerte Mark.
Wenn sich der Blick mit ruhiger Konzentration auf die Stelle zwischen den Augenbrauen richtet,
fließt der Strom (Odlohe) aus beiden Augen zuerst auf das Ajna Chakra und von dort auf das verlängerte Mark.
Dann schaut man das "einfältige" astrale Lichtauge des verlängerten Marks.
Ajna heißt "Ordnung".
Du wirst von der göttlichen Ordnung durchdrungen, trittst ein
in den Zustand der Weisheit und der Meisterschaft. Die Energie
ins sechste Chakra zu lenken, versetzt dich in die Fähigkeit,
göttliche "Wunder" geschehen zu lassen. Aus dem, was du sagst,
werden Tatsachen. Aus Wünschen wird Realität. Du siehst oder
fühlst Dinge voraus und kannst in das Schicksal eingreifen. Im
Tantra entfaltet sich diese Fähigkeit jedoch erst, wenn zuvor
das vierte und das fünfte Zentrum durchdrungen worden sind. Im
vierten stirbt das Ego, im fünften werden alle Unreinheiten
transformiert. So wird der Gefahr des Schadenszaubers und dem
Übel der Angeberei vorgebeugt. Tantra lehrt auf dieser Stufe
die erhabene Praxis des Raja-Yoga (="Königlicher Yoga").
Kommentare
Annie Sprinkle
Ex-Porno-Star, feministische Lust-Aktivistin und
Workshop-Leiterin
«Tantra hat eine Menge mit dem Herzen zu tun. Es
ist auch Sieben-Chakren-Sex. Ich mag das Wort, weil ich es nicht genau
erklären kann, weil es so viele Bedeutungen hat, und diese sich immer
wieder ändern.»
Joe Kramer
Leiter des EroSpirit
Research Institute
«Tantra ist mein spiritueller Weg. Es ist mein
Weg, mir der Schwingungen meines Lebens und des Lebens überhaupt bewusst
zu sein, diese Schwingungen zu verfeinern und schliesslich mit ihnen eins
zu werden.»
Andro
Tantra-Lehrer
«Tantra ist der
Sinnenweg. Erleuchtung finden durch die Sinne. Aufhebung der Gegensätze in
der Ekstase durch die sexuelle und mentale Vereinigung von Mann und Frau.
Für den Tantriker und die Tantrikerin ist der Körper Tempel, Gral,
heiliges Gefäss, um das Göttliche zu erfahren, um an der ultima ratio
teilzuhaben. Tantra lehrt daher die Vereinigung der Gegensätze – Maithuna
–, das ist die unio virilis par excellence auf Dauer. Daher ist die
Anbetung der Schöpfung höchster Gottesdienst und zugleich ekstatisch im
Vollzug.»
Sergius Golowin
Freier
Schriftsteller
«Die echte Tantra-Praxis war zweifellos bei den
Himalaja-Kulturen, die dann durch die Nomadenstämme in die weite Welt
verbreitet wurde, der Gewinn des Gefühls des Liebens und Lebens der ganzen
Welt – den man durch einen anderen Menschen als das schönste, auf Erden
mögliche Geschenk bekam.»
Josef Dvorak